top of page

Exklusiv-Interview mit Tennislegende Ilie Nastase zum 80. Geburtstag

  • 1. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Aug.


Ich zelebriere das Älterwerden!


Mit Heimann näher dran… am ersten Rockstar des Tennis-Circus. Der rumänische Ausnahmesportler Ilie Năstase feierte am 19. Juli gemeinsam mit Ehefrau Ioana seinen 80. Geburtstag in Istanbul. Im großen Gespräch vorher blickt er auf seine beispiellose Karriere zurück, spricht über den Verlust von Typen im modernen Tennis, seine Überlegungen, einbehaltene Davis-Cup-Prämien vom Staat zurückzufordern, und warum er für das Publikum lieber gesperrt wurde, als stur Bälle übers Netz zu dreschen.

Năstase war und bleibt der Prototyp des rebellischen Künstlers auf dem Tennisplatz – ein Phänomen, das zeitlebens faszinierend zwischen absolutem Genie und purem Wahnsinn balancierte. In den 1970er-Jahren revolutionierte er einen bis dahin starren, elitären Sport: Auf der einen Seite stand der Magier mit den unbegreiflichen Reflexen, dem perfekten Topspin-Lob und der Ehre, die allererste Nummer 1 der ATP-Weltrangliste zu sein. Er gewann 1972 die US Open, 1973 die French Open und viermal das Masters der Weltbesten. Auf der anderen Seite brodelte ein unberechenbarer Vulkan – ein Showman, der Matches in dramatische Theaterstücke verwandelte und sich psychologische Kriege mit Schiedsrichtern, Gegnern und dem Publikum lieferte. Năstase hat Tennis nicht bloß gespielt, er hat es mit jeder Faser seines Seins gelebt. 

Ilie Năstase führte 1973 und 1974 insgesamt 40 Wochen lang die Weltrangliste an. Foto: Raed Krishan (GOLAZO.ro)
Ilie Năstase führte 1973 und 1974 insgesamt 40 Wochen lang die Weltrangliste an. Foto: Raed Krishan (GOLAZO.ro)

Das heutige Tennis wird von Top-Athleten dominiert. Wäre in diesem modernen System überhaupt noch Platz für einen Freigeist wie Sie, oder würde man einen zweiten Ilie Năstase sofort sperren und bestrafen?

Die Technologie und Geschwindigkeit haben das Spiel komplett verändert. Damit meine ich moderne Materialien wie Graphit- und Carbon-Schläger anstelle von Holz zu meiner Zeit, aber auch das extreme körperliche Training. Der klassische Lob funktioniert so nicht mehr, er ist viel zu langsam für das heutige Tennis. Aufgrund der atemberaubenden Geschwindigkeit kann reines Talent nicht mehr auf dieselbe Weise zur Geltung kommen wie früher. Heute könnte es einen John McEnroe gar nicht mehr geben! Sein ganzes Genie konnte sich nur bei einem langsameren Spieltempo entfalten. Die Spieler von heute sind viel zu brav, zu starr und extrem auf Zahlen sowie Disziplin fixiert. Deshalb geht der Spaß auf dem Platz verloren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Jannik Sinner ist ein hervorragender Anführer da draußen, aber ich hatte auf dem Platz definitiv viel mehr Spaß! Mein Wunsch ist es, diese natürliche Freude wiederzusehen – und die Weigerung, ein Match zu einer bloßen statistischen Erfassung werden zu lassen. Eine wohltuende Ausnahme von der Regel bildet Carlos Alcaraz. Mir gefällt dieser Junge. Ich habe ihm gratuliert und gesagt, dass ich ihn mag, weil er immer lächelt und eben nicht langweilig ist. Das heißt, er quält sich nicht auf dem Platz, sondern agiert bei jedem Ball mit echter Freude. Der Junge ist absolut natürlich, er spielt kein Theater.


Historisches Dokument: Năstase auf dem Cover der ersten Ausgabe des tennis MAGAZINs vom Juni 1976.
Historisches Dokument: Năstase auf dem Cover der ersten Ausgabe des tennis MAGAZINs vom Juni 1976.

Der Spitzname „Nasty“, der ein perfektes Wortspiel mit Ihrem Nachnamen ist, hat Sie Ihre gesamte Karriere lang begleitet. Wenn Sie nun zurückblicken: Waren diese Momente des puren Wahnsinns auf dem Platz nur Taktik und Adrenalin, oder konnten Sie einfach nicht anders, als mit offenem Herzen zu agieren?

Es war absolut keine Taktik. Der Druck lastete damals komplett auf mir. Aber genauso habe ich das Spiel nun mal gefühlt – und genauso musste ich es auch leben. Tennis war ein harter Beruf für mich.

Das Wimbledon-Finale von 1972 gegen Stan Smith ist unter extremen Bedingungen als eines der dramatischsten Spiele in die Geschichte eingegangen. Viele sagen, dass Ihnen das Schicksal damals den wichtigsten Titel auf Rasen verwehrt hat. Wie oft denken Sie noch an diese fünf Sätze und fragen sich: „Was wäre gewesen, wenn …?“


Die rumänische Davis-Cup-Auswahl 1972 vor dem Halbfinale gegen Australien in Bukarest von links nach rechts mit Ion Santei, Ilie Năstase, Petre Mărmureanu, Ion Țiriac und Kapitän Stefan Georgescu. Foto: Enzyklopädie der Körperkultur und des rumänischen Sports
Die rumänische Davis-Cup-Auswahl 1972 vor dem Halbfinale gegen Australien in Bukarest von links nach rechts mit Ion Santei, Ilie Năstase, Petre Mărmureanu, Ion Țiriac und Kapitän Stefan Georgescu. Foto: Enzyklopädie der Körperkultur und des rumänischen Sports

Ich weiß es nicht. Das Spiel stand damals permanent auf Messers Schneide. Es war ein gnadenloser Kampf. Wenn ich die Zeit zurückdrehen und ein einziges Ergebnis in meinem Leben ändern könnte, dann wäre es definitiv dieses Finale gegen Stan Smith. Das ist mein größtes Bedauern im Tennis. Man muss sich die Bedingungen von damals mal vorstellen: Es gab beim Seitenwechsel keine Stühle zum Sitzen. Keine anderthalbminütigen Pausen wie heute, in denen die Spieler bequem im Sessel Platz nehmen, Bananen essen oder isotonische Getränke schlürfen. Wir gingen einfach ans Netz, tranken im Stehen einen Schluck Wasser aus einem Becher, wischten uns kurz mit dem Handtuch ab und spielten weiter. Das Ganze dauerte nur ein paar Sekunden. Lediglich am Ende eines Satzes brachten die Organisatoren kurz einen Stuhl herbei – aber auch da war die Zeit extrem begrenzt. Ich habe später mal zu Smith gesagt: „Stan, du bist überhaupt nur deshalb in die Geschichte eingegangen, weil du mich 1972 geschlagen hast – und weil du diesen berühmten Turnschuhen deinen Namen gegeben hast!“ (Anmerkung des Autors: Năstase spielt auf den legendären Tennis-Sneaker „Stan Smith“ von Adidas an, der zu einem der meistverkauften Schuhe der Modegeschichte wurde.)


Zwei Epochen, eine Legende: Der gealterte Freigeist Năstase vor seinem jüngeren Ich aus Bronze in Bukarest.
Zwei Epochen, eine Legende: Der gealterte Freigeist Năstase vor seinem jüngeren Ich aus Bronze in Bukarest.

Die deutsche Fachzeitschrift tennis MAGAZIN feierte im vergangenen Monat ihr 50-jähriges Bestehen. Wissen Sie, wer das Cover der ersten Ausgabe einer der angesehensten Tenniszeitschriften der Welt zierte?

(überlegt kurz und lächelt) Nein, keine Ahnung. Ein deutscher Spieler aus der damaligen Zeit? Vielleicht Wilhelm Bungert oder Karl Meiler?

Nein, kein Deutscher – sondern Sie selbst!

(ist sichtlich überrascht) Wirklich? Das war mir gar nicht bewusst. Eine unglaublich große Ehre für mich, gerade bei so einem traditionsreichen Magazin.

Wenn Sie auf diese gesamte, außergewöhnliche Lebensreise zurückblicken: Was ist Ihnen als der schönste Moment Ihrer Karriere in Erinnerung geblieben?

Das absolute Highlight war das Davis-Cup-Finale 1972 gegen die USA in Bukarest, das wir ganz knapp verloren haben. Aber es fühlte sich wie ein Sieg an, weil wir alles gegeben haben und die übermächtigen USA an den Rand einer Niederlage gebracht hatten.


Ilie Năstase (dritter von links) und sein guter Freund Ion Țiriac (erster von rechts) bei der Vorstellung des Dokumentarfilms NASTY.
Ilie Năstase (dritter von links) und sein guter Freund Ion Țiriac (erster von rechts) bei der Vorstellung des Dokumentarfilms NASTY.

Für Ihre Landsleute waren diese Spiele in den 1970er-Jahren wie ein Hauch frischer Luft und ein Fenster zur Freiheit. Wie haben Sie den Druck und die immense Zuneigung des heimischen Publikums empfunden, das mit angehaltenem Atem vor dem Radio oder Fernseher saß?

Einige meiner größten Matches, wie das Davis-Cup-Endspiel 1972, wurden damals live im Fernsehen in Rumänien übertragen. Für mich war es einfach etwas unheimlich Schönes zu wissen, dass die Menschen in der Heimat mich da draußen auf dem Platz spielen sehen konnten. Am schönsten war es für mich immer, wenn wir vor restlos ausverkauften Arenen spielten – wenn die Leute herbeiströmten und wie beim Finale in Bukarest sogar auf die Bäume rund um die Anlage kletterten, nur um uns irgendwie sehen zu können. Diese Atmosphäre, in der ein ganzes Land spürbar mit uns atmete – das kann man mit keinem Geld der Welt kaufen. Das war meine wahre Errungenschaft.


Drei rumänische Sportlegenden auf einen Blick: Năstase, Elisabeta Lipă und Nadia Comăneci (von rechts nach links).
Drei rumänische Sportlegenden auf einen Blick: Năstase, Elisabeta Lipă und Nadia Comăneci (von rechts nach links).

Sie haben große Turniere gewonnen sowie bedeutende Preisgelder in Dollar erhalten – und das in einer Zeit, in der das kommunistische Regime alles kontrollierte. Wie viel von dem Geld, das Sie sich auf dem Platz verdient hatten, mussten Sie an den Staat abgeben?

Von meinen regulären Turnier-Preisgeldern musste ich tatsächlich nichts an den rumänischen Staat abführen. Anders war das allerdings im Davis Cup. Deshalb hatte ich vor einem Jahr sogar ernsthaft darüber nachgedacht, diese vom damaligen Regime einbehaltenen Siegprämien zurückzufordern. Aber das ist jetzt alles mehr als 50 Jahre her, und ich habe es letztendlich sein lassen. Heute lässt sich ohnehin nur noch schwer schätzen, wie hoch diese Summen damals genau waren. Wir Spieler haben vom Verband bloß ein mageres Taschengeld bekommen, um wenigstens unsere Ausgaben vor Ort in etwa zu decken. Es gab gerade einmal zwei bis drei Dollar pro Tag.


Als ehemaliger Angehöriger des Militärklubs Steaua Bukarest ist Ilie Năstase Generalmajor in der Reserve. 
Als ehemaliger Angehöriger des Militärklubs Steaua Bukarest ist Ilie Năstase Generalmajor in der Reserve. 

Sperren und Disziplinarstrafen haben Sie von Anfang an begleitet. Warum passierte das eigentlich so oft in Ihrer Karriere?

Das war niemals ein böswilliger Akt von mir, sondern schlicht ein Teil meiner Persönlichkeit und meines tiefen Wunsches, das Publikum zu unterhalten. Die Fans haben damals Eintritt bezahlt, um eine echte Show zu sehen – und nicht nur emotionslose Roboter, die den Ball stur übers Netz dreschen. Die strengen Funktionäre jener Zeit haben einfach nicht verstanden, dass starke Typen wie Jimmy Connors, John McEnroe oder ich es waren, die die Sponsoren und Fernsehsender überhaupt erst angelockt haben. Wir machten den Tennissport von einer exklusiven Nischensportart zu einem globalen Phänomen.


Tennislegende Năstase nimmt als gefragter Gesprächspartner bei Medienterminen nach wie vor kein Blatt vor den Mund. Fotos: Raed Krishan (GOLAZO.ro)
Tennislegende Năstase nimmt als gefragter Gesprächspartner bei Medienterminen nach wie vor kein Blatt vor den Mund. Fotos: Raed Krishan (GOLAZO.ro)

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren großen Rivalen und Freunden von damals, wie Connors, Smith, McEnroe oder Björn Borg, und sprechen Sie über die goldenen Zeiten?

Wir sehen uns ab und zu bei den großen Turnieren, aber wir stehen nicht mehr in regelmäßigem Kontakt.

Das Parlament hat kürzlich beschlossen, das Jahr 2027 in Rumänien offiziell zum „Ilie-Năstase-Jahr“ zu erklären. Wie sehen Sie diese Anerkennung durch Ihr Heimatland?

Dieses Jahr stand ganz im Zeichen von Nadia Comăneci, das nächste gehört nun mir. Es ist natürlich eine große Ehre. Ich betrachte diese Entscheidung als eine Art selbstverständliche moralische Wiedergutmachung für unsere gesamte Generation – für die Sportler, die Rumänien damals überhaupt erst auf die Landkarte des Weltsports gebracht haben. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass das Parlament beschlossen hat, den noch lebenden Legenden Tribut zu zollen. Auf diese Weise bietet man der heutigen Jugend echte, authentische Vorbilder für absolute Spitzenleistungen.


Ilie Năstase mit seiner damaligen Temeswarer Ehefrau Brigitte (geb. Szeifert) vor zehn Jahren bei der Verleihung der Laureus World Sports Awards in Berlin. Die Sportikone gehört der hochkarätigen Jury an, die diese Preise vergibt. Foto: Eibner-Pressefoto
Ilie Năstase mit seiner damaligen Temeswarer Ehefrau Brigitte (geb. Szeifert) vor zehn Jahren bei der Verleihung der Laureus World Sports Awards in Berlin. Die Sportikone gehört der hochkarätigen Jury an, die diese Preise vergibt. Foto: Eibner-Pressefoto

Gibt es im Rückblick auf Ihr turbulentes Leben außer dem erwähnten Wimbledonfinale noch etwas, das Sie ändern würden?

Wenn ich noch etwas ändern würde, wäre ich nicht mehr ich selbst. Ich habe Fehler gemacht und dafür bezahlt. Sie haben mich Unsummen gekostet. Aber ich habe intensiv gelebt - und jetzt zelebriere ich das Älterwerden einfach!

Links die Statue des legendären Rod Laver, rechts ich vor der nach ihm benannten Arena in Melbourne. Der Australier feierte unvergessliche Siege – darunter fünf in sieben Spielen gegen Năstase. Fotos: Helmut Heimann, Gerti Mayer/Collage: Hans Vastag
Links die Statue des legendären Rod Laver, rechts ich vor der nach ihm benannten Arena in Melbourne. Der Australier feierte unvergessliche Siege – darunter fünf in sieben Spielen gegen Năstase. Fotos: Helmut Heimann, Gerti Mayer/Collage: Hans Vastag

 

Was wünschen Sie sich am meisten für die kommenden Jahre – und haben Sie vielleicht noch einen großen Traum, den Sie sich erfüllen möchten?

Einfach nur Gesundheit. 80 Jahre ist wirklich ein schönes Alter.


Herr Năstase, ich danke Ihnen für das Gespräch!

 

Bis zum nächsten Klick auf meinen Blog…

 

Als neuer Beitrag folgt: Rendezvous mit der Vergangenheit! Auf Heimatsuche in Großjetscha

bottom of page