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50 Jahre Nadia und die „perfekte Zehn“!

  • vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 5 Stunden

Unser Gespräch einst und jetzt


50 Jahre ist es her, dass Nadia Comăneci bei den Olympischen Sommerspielen in Montreal am Stufenbarren mit der ersten Note 10,0 olympische Geschichte schrieb. Die Grundlage für meinen heutigen Bericht über die weltbekannte Turn-Ikone bildet eine außergewöhnliche Begegnung, die ich vor 39 Jahren als junger Sportredakteur mit ihr hatte. 


Der Temeswarer Flughafen war einst Nadias Landeplatz und trägt seit 2003 den Namen „Traian Vuia“.
Der Temeswarer Flughafen war einst Nadias Landeplatz und trägt seit 2003 den Namen „Traian Vuia“.

Temeswar im Banat – 1987. Es ist ein nasskalter Novembertag. Viele Menschen hasten mit sorgenvollen Mienen durch die Straßen der rumänischen Großstadt. Die sozialistische Mangelwirtschaft ist ihnen ins Gesicht geschrieben: Lange Schlangen vor den Geschäften, überfüllte Busse und Straßenbahnen auf dem Weg zur Arbeit. Zahlreiche Pendler trinken an den trostlosen Kiosken einen schalen Kaffee aus Sojabohnen, bevor sie einsteigen. Scheu um sich blickend, flüstern sie vom Arbeiteraufstand nur wenige Tage zuvor in Kronstadt. Sie ahnen nicht, dass zwei Jahre später genau in ihrer Stadt die rumänische Revolution beginnen wird – ein Ereignis, das zum Sturz der jahrzehntelangen kommunistischen Diktatur führen sollte.

Auf dem Flughafen landet ein Flieger der staatlichen Fluggesellschaft TAROM. An Bord befindet sich eine der bekanntesten rumänischen Sportlerinnen aller Zeiten, die das Kunstturnen revolutioniert hat: Nadia Comăneci. Schon damals steht sie unter der totalen Überwachung des berüchtigten Geheimdienstes Securitate. Nadia weiß das, wie sie Jahrzehnte später gestehen wird. Das Flugzeug ist das sicherste und schnellste Verkehrsmittel, um sie nach Temeswar zu bringen – auf einer Zug- oder Autofahrt wäre die Überwachung weitaus aufwändiger, umständlicher und auffälliger. 

Nachdem sich Nadias Trainer Béla und Márta Károlyi 1981 in den Westen abgesetzt hatten, lebte das kommunistische Regime in panischer Angst, dass sein wertvollstes propagandistisches Aushängeschild dies ebenfalls tun könnte. Nach den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles, an denen Comăneci als Beobachterin teilnahm, wurde ihr Reisepass eingezogen. Sie fühlte sich wie ein Vogel im goldenen Käfig. 

Nadia war als Verbandstrainerin der rumänischen Juniorinnen-Auswahl nach Temeswar gekommen, die an einem Landeswettbewerb teilnahm. In der Olympiahalle (Sala Olimpia) waren nicht viele Zuschauer – die Menschen hatten damals ganz andere Sorgen. Zudem war es kein hochkarätiger Wettbewerb, der große Resonanz auslöste. Der heute 86-jährige, damalige Chef der Olympiahalle kann sich genauso wenig an die Anwesenheit der Turnfee erinnern wie der legendäre Radiokommentator Nicolae Secoșan, mit dem ich unlängst in Temeswar darüber gesprochen habe. Da sie unter strengster Beobachtung stand, hatte das Regime keinerlei Interesse daran, den Aufenthalt von Nadia publik zu machen. Trotzdem erfuhr ich von ihrem Besuch.

                                             Ein Redakteur ohne Parteibuch


In der Olympiahalle bröckelt der Putz. Collage: Hans Vastag
In der Olympiahalle bröckelt der Putz. Collage: Hans Vastag

Drei Jahre zuvor war ich bei der lokalen deutschsprachigen Neuen Banater Zeitung (NBZ) als Sportredakteur angestellt worden. Sie wurde, wie alle anderen Zeitungen auch, von der Partei kontrolliert; ein Mitarbeiter der Securitate kam wöchentlich vorbei, um zu überprüfen, ob alles auf Linie war.

Bei meiner Einstellung verlangte der Chefredakteur, dass ich eine Verzichtserklärung für die Ausreise in den Westen unterschreiben solle. „Entweder komme ich ohne diese Erklärung oder gar nicht“, weigerte ich mich. Trotzdem erhielt ich die Anstellung. Warum ich bis heute mächtig stolz bin: Nach Ludwig Schwarz und William Totok war ich erst der dritte Redakteur seit der Gründung der Zeitung im Jahr 1968, der kein Mitgliedsbuch der Rumänischen Kommunistischen Partei besaß.  

Fast hätte ich einige Jahre später den Arbeitsplatz verloren, als meine Eltern die Ausreiseformulare eingereicht hatten. Sie tauchten zuvor in der Redaktion auf, um mich mit auf die Passbehörde zu nehmen. Doch ich wurde wegen eines wichtigen Termins verhindert und sagte meiner Mutter, sie solle einfach für mich unterschreiben. Was sie auch tat – und letztlich meine Rettung war. 

Als mich die Chefredaktion für den traditionellen Erfahrungsaustausch mit der Thüringer Partnerzeitung Volkswacht in Gera vorschlug, entdeckte die Securitate unseren Ausreiseantrag. Der für die Zeitung zuständige Geheimdienstmajor kam wutentbrannt in die Redaktion und stauchte die Chefetage zusammen: „So einen schlagt Ihr für eine Auslandsreise vor?!“ Doch die Wogen glätteten sich etwas später, als eine graphologische Untersuchung meine Aussage bestätigte, dass nicht ich den Ausreiseantrag unterschrieben hatte. So konnte ich bei der Zeitung bleiben und Nadia Comăneci für ein exklusives Interview treffen. 

Hinter den Kulissen dieser Begegnung verbarg sich jedoch eine seltsame, fast surreale Situation: Da ich bei einer Parteizeitung arbeitete, war mir die allgegenwärtige Zensur bewusst.

Wenigstens innen wurde die Sala Olimpia modernisiert. Fotos: Helmut Heimann
Wenigstens innen wurde die Sala Olimpia modernisiert. Fotos: Helmut Heimann

Ich kannte die roten Linien des Regimes, die wir im Alltag nicht überschreiten durften. Doch als ich Nadia in der Olympiahalle gegenüberstand, wusste ich nichts von den Akten, Wanzen und Spitzeln, die sie unter dem Codenamen „Corina“ auf Schritt und Tritt verfolgten. Ich war ein Reporter, der ein professionelles Sportinterview führen wollte – und sie eine Gefangene, die genau wusste, dass jedes ihrer Worte auf der Goldwaage des Geheimdienstes lag, dessen verlängerter Arm auch meine Redaktion kontrollierte. Dennoch gelang es mir, ein längeres Gespräch zu führen. Sie beantwortete meine Fragen bereitwillig, aber zunächst vorsichtig. Erst als sie merkte, dass ich sie jenseits des üblichen Protokolls befragte, taute sie auf.  Es war – exakt zwei Jahre und zehn Tage vor ihrer dramatischen Flucht im November 1989 – das letzte authentische, ausführliche Pressegespräch mit der Ausnahmeathletin in Rumänien abseits der späteren, vom Parteiapparat diktierten Protokoll-Floskeln. 

Wer das Interview im Rückblick der seither verstrichenen fast vier Jahrzehnte liest, kann sich nur schwer vorstellen, dass es damals in einem kommunistischen Parteiorgan erschienen ist – statt in einem Boulevardmedium wie BILD. Nur war eine Veröffentlichung dort damals schlicht unmöglich – ausgerechnet in dem Blatt, für das ich nach meiner Ausreise im Jahr 1990 als erster rumäniendeutscher Redakteur in der Geschichte von Europas größter Tageszeitung fast 23 Jahre lang tätig sein sollte. Denn das Gespräch enthielt auch Fragen zu ihrem Privatleben und damit Einblicke, die damals im kommunistischen Rumänien bei einer hochrangigen Persönlichkeit von nationalem wie internationalem Rang für die Öffentlichkeit absolut unzugänglich waren. Trotzdem stellte ich sie, und Nadia hielt mit jenem spitzbübischen Charme dagegen, den sie sich trotz der allgegenwärtigen Überwachung nie ganz nehmen ließ. 

Im Nachhinein ist man freilich immer klüger: Weder mir noch der Chefredaktion schwante in jener Situation auch nur ansatzweise die volle Tragweite der Fragen und Antworten zu Nadias Privatleben. Denn eigentlich waren die persönlichen Belange dieser Galionsfigur für das paranoide Regime eine reine Staatsaffäre. Doch weil Nadias Antworten so herrlich unpolitisch und charmant klangen, schöpften die Zensoren wohl keinen Verdacht – sie suchten nach Staatsverbrechen und übersahen dabei völlig, dass hier ein Stück echte, unbeschwerte Menschlichkeit gedruckt wurde. 

Als ich dieses Interview fast vierzig Jahre später einer modernen KI zur Analyse vorlegte, brachte deren Urteil die damalige Dynamik exakt auf den Punkt: „Du hast das Herzstück des Boulevards genutzt – die Frechheit, die menschliche Nähe und die Weigerung, sich an die steifen, vorgegebenen Regeln der Obrigkeit zu halten, um ein echtes, lebendiges Bild zu zeichnen. Genau das hast du damals in der Olympiahalle getan und der umschwärmten Weltikone Fragen zu einer möglichen Heirat und anderen Facetten ihres Privatlebens gestellt – Themen, die im staubigen, parteitreuen Sportjournalismus absolut tabu waren. Das verkörperte die pure Essenz von beherztem Boulevard." Aus heutiger Sicht zeigt diese Analyse sehr treffend, dass Boulevard im damaligen System weit mehr bedeutete als nur Unterhaltung: Es war das Aufbrechen verkrusteter, ideologischer Strukturen, um den Menschen hinter der Ikone überhaupt sichtbar zu machen. Eine „Frechheit“, die im damaligen Rumänien schlicht die einzige Möglichkeit darstellte, echten Journalismus zu machen. 

Damals dachte ich in meinen kühnsten Träumen nicht daran, dass ich mal bei einer Boulevardzeitung arbeiten würde. Doch genau mit diesem Stück gewagtem Journalismus im Gepäck hatte ich vier Jahre nach diesem journalistischen Coup, im Jahr 1991, ein Vorstellungsgespräch bei BILD in der Hamburger Zentralredaktion. Ich nahm einige NBZ-Schriftproben mit, darunter auch dieses Interview mit der Weltklasseturnerin – jenes Dokument, das Sie hier im Faksimile sehen können. Dazwischen lag ein harter Kulturschock: Bei der NBZ hatten wir Journalisten unsere Artikel noch klassisch von Hand zu Papier gebracht, ehe eine Daktylografin sie abtippte. Für die moderne westliche Medienwelt musste ich nach meiner Ausreise erst einmal einen Kurs in Textverarbeitung belegen, um in Deutschland das Schreiben auf der Maschine überhaupt zu lernen. Doch der Aufwand lohnte sich: Die Anstellungszusage kam eine Woche nach dem Vorstellungsgespräch. Wer weiß, ob nicht gerade das Interview mit Nadia den Ausschlag dafür gegeben hat. Manchmal zahlt es sich im Leben eben aus, wenn man die ausgetretenen Pfade des Journalismus verlässt. 

                             

Eine bleibende Erinnerung: Nadia Comăneci kennt unsere gemeinsame Aufnahme aus dem Jahr 1987. Foto: privat
Eine bleibende Erinnerung: Nadia Comăneci kennt unsere gemeinsame Aufnahme aus dem Jahr 1987. Foto: privat

 Unser gemeinsames Foto

  Nadia Comăneci war in Temeswar adrett gekleidet. Sie trug eine für die damalige Epoche und den offiziellen Anlass sehr klassische, fast schon staatstragende Garderobe, die perfekt zu ihrer Rolle als Funktionärin und Trainerin passte: einen dunklen Blazer mit breiterem Revers, darunter eine weiße Bluse, deren markanter Kragen modisch über dem Blazer lag – kein Vergleich zu einem gewöhnlichen Trainingsanzug. Auf ihrer linken Jackenseite glänzte eine kleine Anstecknadel – womöglich das offizielle Emblem des Sportverbands oder eine staatliche Auszeichnung, die sie als systemkonforme Vorzeigeathletin anstecken musste. Ihre hängenden Ohrringe und die typische, voluminöse Kurzhaarfrisur der späten 1980er-Jahre rundeten ihr Erscheinungsbild ab. So ist sie auf unserem gemeinsamen Foto zu sehen, das ich wie einen Schatz fast vierzig Jahre lang bewahrt habe. Es zeigt ihre nette, aufgeschlossene, sympathische und kecke Art – genau so wie ich sie damals empfunden habe. Ganz im Gegensatz zum ernsten, etwas verschlossenen Mädchen, als das ich sie sonst bei den großen Turnwettkämpfen im Fernsehen erlebt hatte. 

                             

Mein Exklusivinterview mit der Turnfee erschien am 19. November 1987 in der Neuen Banater Zeitung.
Mein Exklusivinterview mit der Turnfee erschien am 19. November 1987 in der Neuen Banater Zeitung.

 

Nicolae Ceaușescu zeichnet die 14-jährige Nadia nach ihrem Olympiatriumph mit dem Orden „Held der sozialistischen Arbeit“  aus. Dahinter applaudieren Ministerpräsident Manea Mănescu (rechts) und neben ihm Elena Ceaușescu. Foto: Agerpres
Nicolae Ceaușescu zeichnet die 14-jährige Nadia nach ihrem Olympiatriumph mit dem Orden „Held der sozialistischen Arbeit“ aus. Dahinter applaudieren Ministerpräsident Manea Mănescu (rechts) und neben ihm Elena Ceaușescu. Foto: Agerpres

Flucht über die Grenze bei Tschanad

 Das Banat sollte eine historisch aufgeladene Region für Nadia bleiben: Sie kehrte im November 1989 hierher zurück – dieses Mal jedoch nicht für einen Sportwettbewerb, sondern um der allgegenwärtigen, erdrückenden Überwachung durch die Securitate endgültig zu entkommen. Ihre dramatische Flucht über die nahe rumänisch-ungarische Grenze bei Tschanad (rumänisch Cenad) war der finale Befreiungsschlag aus ihrem goldenen Käfig und der Beginn eines völlig neuen Lebens. Sie fand unter mysteriösen Umständen statt, die bis heute ungeklärt sind. Wie konnte sie unbemerkt über die Grenze gelangen, obwohl sie im Land auf Schritt und Tritt von der Securitate überwacht wurde? Vieles spricht für eine gezielte Operation im Hintergrund, möglicherweise unter Verwicklung der CIA, um dem ohnehin angeschlagenen Image des Diktators Nicolae Ceauşescu einen schweren Schlag zu versetzen und dem Westen mitten im Umbruch des Ostblocks einen gewaltigen Propaganda-Sieg zu bescheren. Ioan Haţegan, ein bekannter Temeswarer Historiker, der in Tschanad geboren ist und die Monografie des Ortes geschrieben hat, erklärte: „Die Wahrheit ist bekannt, wird aber nicht gesagt, um Nadia zu schützen. Dass ihr geholfen wurde, ist klar. Ihre Flucht war erwünscht. In Tschanad sind viele Menschen in diese Geschichte verwickelt.“ 

Bis zu ihrer totalen Überwachung war Comăneci eine Privilegierte des kommunistischen Systems – ganz ähnlich wie die Eiskunstläuferin Katarina Witt in der DDR. Ceauşescu hatte wegen Nadias weltweiten Erfolgen einen Narren am Kunstturnen gefressen. Er verfolgte die Wettkämpfe gebannt im Fernsehen, und wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief, flippte er aus. Unvergessen ist sein Wutanfall bei den Europameisterschaften 1977 in Prag, als er die Benotung Nadias bemängelte und kurzerhand den Befehl erteilte, die gesamte rumänische Mannschaft mitten im laufenden Wettbewerb zurückzuziehen. Ein beispielloser Skandal, der die Turnwelt erschütterte. Aber auch seine Frau Elena mischte kräftig mit. Am grünen Tisch plante sie kühl, wie viele Erfolge gefälligst eingefahren werden mussten. Bei Nadia gab sie die Marschrichtung unerbittlich vor: „Ungefähr zwei bis drei Goldmedaillen“ hatten es pro Meisterschaft bitteschön zu sein.

                           

Einst Jahrhundertturnerin und heute Legende, steht Comăneci im Dialog mit ihrer eigenen Geschichte. Der Bildschirm zeigt die erste perfekte 10 der Olympia-Historie – auf der Anzeigetafel dargestellt als „1.00“.
Einst Jahrhundertturnerin und heute Legende, steht Comăneci im Dialog mit ihrer eigenen Geschichte. Der Bildschirm zeigt die erste perfekte 10 der Olympia-Historie – auf der Anzeigetafel dargestellt als „1.00“.

Nadias Metamorphose

Im Interview stellte ich Nadia Comăneci 16 Fragen. Sie wich keiner einzigen aus, antwortete ohne Umschweife, manchmal sehr schlagfertig, was mich überrascht hat. Offenbar war ihr der professionelle Medienumgang völlig vertraut. Der Blick zurück zeigt eine faszinierende Verwandlung, wenn man die Nadia von einst mit der Nadia von jetzt vergleicht. Mit keiner anderen geht das, denn sie ist unvergleichlich. 

                           

Vier rumänische Sport-Ikonen nebeneinander – von links nach rechts sind Elisabeta Lipă (Rudern), Gheorghe Hagi (Fußball), Nadia Comăneci (Turnen) und Simona Halep (Tennis) zu sehen.
Vier rumänische Sport-Ikonen nebeneinander – von links nach rechts sind Elisabeta Lipă (Rudern), Gheorghe Hagi (Fußball), Nadia Comăneci (Turnen) und Simona Halep (Tennis) zu sehen.

Von der Verbandsfunktionärin zur Unternehmerin

Nach der Absolvierung des Instituts für Körpererziehung und Sport wurde sie Trainerin des Fachverbands. Jetzt betreibt sie eine renommierte Turnschule in ihrem Wohnort Norman, einer Universitätsstadt im US-Bundesstaat Oklahoma, an der weit über tausend Schülerinnen und Schüler trainieren. Sie ist Unternehmerin, führt die Produktionsfirma Perfect 10 sowie mehrere Sportfachgeschäfte für Turnbedarf und -bekleidung. 

                           

Nadia beim Eintrag ins Ehrenbuch der Rumänischen Nationalbank, die der Ausnahmesportlerin eine Gedenkmünze widmete.
Nadia beim Eintrag ins Ehrenbuch der Rumänischen Nationalbank, die der Ausnahmesportlerin eine Gedenkmünze widmete.

Von drakonischer Strenge zu partnerschaftlichem Coaching

Als weitere Funktion gab sie im Interview seit 1983 jene als Kampfrichterin an. Nach ihrer Flucht übte sie dieses Amt nicht mehr aus, sondern konzentrierte sich auf das Coaching in der eigenen amerikanischen Akademie. Auf meine Frage, ob sie als Schiedsrichterin die Note 10,0 gezückt habe, antwortete sie: „Ja, aber nur sehr, sehr selten.“ Sie legte eben schon immer strenge Maßstäbe bei der Beurteilung der Übungen an. Jetzt ist sie in ihrer eigenen Akademie keine strenge Trainerin im klassischen oder autoritären Sinne. Ihr Ansatz lässt sich eher als leistungsorientiert, aber positiv und partnerschaftlich beschreiben. Sie nutzt ihre eigenen Erfahrungen, um es heute anders und nahbarer zu machen, als sie es selbst in ihrer Jugend kannte.

                     

Die Olympiasiegerin setzt ihre Unterschrift auf das großformatige Motiv dieser besonderen Würdigung, die an ihre historische perfekte Zehn von Montreal erinnert.
Die Olympiasiegerin setzt ihre Unterschrift auf das großformatige Motiv dieser besonderen Würdigung, die an ihre historische perfekte Zehn von Montreal erinnert.

Vom Heimatbezug zu einer unglaublichen Charaktereigenschaft

Auf meine Frage, ob ihr Temeswar gefalle, antwortete sie damals kurz und knapp: „Sehr gut.“ Vor allem die vielen Grünanlagen und die gastfreundlichen Einwohner hatten einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Das würde sie wahrscheinlich auch jetzt noch genauso sagen. Bei meinem jüngsten Besuch in Temeswar konnte ich die grüne Lunge der Banater Hauptstadt förmlich atmen spüren und habe die sprichwörtliche Gastfreundschaft ihrer Einwohner ebenso genossen wie Nadia. Deren Bezug zur Heimat und den Menschen schlägt die Brücke zu einer Charaktereigenschaft, die man der einstigen Turnerin im Rampenlicht so gar nicht zugetraut hätte. 

                                

Nadia ist stolz auf ihre in einer Glasvitrine ausgestellten Gedenkmünzen in Gold, Silber und kupferhaltigem Tombak.
Nadia ist stolz auf ihre in einer Glasvitrine ausgestellten Gedenkmünzen in Gold, Silber und kupferhaltigem Tombak.

 Vom unnahbaren Genie zur echten Teamplayerin

Als Lieblingsmedaille bezeichnete Nadia ihre Goldmedaille mit der Mannschaft 1979 im texanischen Fort Worth, weil es das erste Weltmeisterschafts-Gold einer rumänischen Auswahl war. Das beweist einen tief verwurzelten Teamgeist, obwohl sie als Einzelkämpferin galt – fokussiert, unnahbar und ganz auf ihre eigene Leistung fixiert. Teamplayerin ist sie bis heute geblieben. Beim Coaching in Oklahoma und auch bei ihren Besuchen in Rumänien sieht sie sich heute nicht mehr als die unantastbare Ikone über allen anderen, sondern als Teil des Unterstützungsteams für die nächste Generation. Sie arbeitet eng mit anderen Trainern und Choreografen zusammen, um ihren Schützlingen das beste Umfeld zu bieten. 

             

Der rumänische Präsident Nicușor Dan überreicht Nadia Comăneci das Großkreuz des Ordens „Stern von Rumänien“ – die höchste Auszeichnung des Landes.
Der rumänische Präsident Nicușor Dan überreicht Nadia Comăneci das Großkreuz des Ordens „Stern von Rumänien“ – die höchste Auszeichnung des Landes.

Von der fremdbestimmten Perfektion zum Triumph des eigenen Willens

Obwohl das WM-Gold von 1979 ihre Lieblingsmedaille ist, nannte sie als Antwort auf meine Frage nach ihrer schönsten Erinnerung die Höchstnote 10,0 in Montreal. Das ist auf den ersten Blick ein faszinierender Widerspruch – aber eigentlich beschreibt er genau das Dilemma zwischen der sportlichen Leistung einerseits und der emotionalen Symbolkraft andererseits. Das Gold bei der Weltmeisterschaft 1979 war ein reiner Triumph des Willens und des Teamgeists – und das bedeutete ihr persönlich unheimlich viel.

Rumänien lag im Mannschaftswettbewerb zurück. Nadia zeigte ihre gewohnte, eiserne Disziplin, ging unter extremen Schmerzen nur für eine einzige Übung am Schwebebalken an den Start, holte eine sensationelle Wertung von 9,90 Punkten und sicherte Rumänien damit das allererste Mannschafts-Gold vor der übermächtigen Sowjetunion. Diese Medaille bedeutete ihr nicht Perfektion, sondern Aufopferung und Teamplay – sie war der Beweis, dass sie auch unter widrigsten Bedingungen als Anführerin voranging.

Der Präsident und die Turnlegende schwelgen beim Blick auf die historischen Aufnahmen gemeinsam in Erinnerungen.
Der Präsident und die Turnlegende schwelgen beim Blick auf die historischen Aufnahmen gemeinsam in Erinnerungen.

Die erste 10,0 der Geschichte in Montreal dagegen war kein normaler sportlicher Erfolg, sondern ein popkultureller Urknall. Ein Moment, in dem aus der 14-jährigen Turnerin Nadia Comăneci eine unsterbliche Ikone wurde. 

In Kanada war Nadia noch das unbeschwerte Kind, das einfach turnte, ohne den immensen politischen und medialen Druck zu spüren, der in den Jahren danach auf ihr lastete. Diese Phase der puren Leichtigkeit verkörperte, wie bei vielen großen Persönlichkeiten, den reinsten Moment ihrer Karriere. Montreal 1976 ist das Lebenswerk, das Denkmal, das sie für immer definiert und an das man sich mit der Leichtigkeit der Jugend erinnert. Fort Worth 1979 ist die persönliche Reifeprüfung, bei der sie sich selbst und der Welt bewiesen hat, aus welchem Holz sie geschnitzt ist.

                   


Nadia signiert ein historisches Foto der begleitenden Ausstellung.
Nadia signiert ein historisches Foto der begleitenden Ausstellung.

Vom Monument des Genies zum Gerät des Herzens

Ein ähnlicher Widerspruch zeigte sich bei meiner Frage nach ihrem Lieblingsgerät: Sie nannte im Interview den Schwebebalken, obwohl sie am Stufenbarren die erste perfekte Zehn erturnte. Ein weiterer Punkt, der wunderbar darlegt, wie sehr sich die Außensicht der Sportgeschichte von der Innensicht der Athletin unterscheidet. Für die Welt ist Nadia die „Königin des Stufenbarrens“, weil dort die legendäre erste 10,0 fiel. Für sie selbst aber war der Schwebebalken das Gerät ihres Herzens. Der Stufenbarren bescherte ihr den weltweiten Ruhm – als das erste Gerät, das die Computer an ihre Grenzen brachte. Sie waren nicht darauf programmiert und zeigten nur die 1.00. Es war das Fundament dieses historischen Rekords. Gewöhnlich sind Bestmarken im Sport da, um gebrochen zu werden. Aber diese perfekte Zehn kann niemand jemals übertreffen. Gemeißelt in den Stein der Zeit, ist sie eine Leistung für die Ewigkeit!

Der Stufenbarren zeigt uns, was sie getan hat: ihren epochalen Meilenstein. Er ist das Monument ihres Genies. Der Schwebebalken hingegen war das Gerät, auf dem sie sich am wohlsten fühlte, weil sie dort die Schwerkraft auf eine Weise zu überlisten schien, die bis heute unerreicht ist. Nicht umsonst hat sie bei ihrem dramatischen, von Schmerzen geprägten Einsatz 1979 in Fort Worth genau dieses Gerät gewählt, um das Team zu retten. Der Stufenbarren steht für das Resultat (die Note 10,0) und der Schwebebalken für Nadias Persönlichkeit. Es ist der Unterschied zwischen dem, womit man Geschichte schreibt, und dem, was man im Herzen trägt. Der Schwebebalken zeigt uns den Menschen Nadia – mit all ihren persönlichen Vorlieben, ihrer mentalen Stärke und ihrer ganz eigenen Leidenschaft. In der Sportgeschichte wiegt der Stufenbarren schwerer. In Nadias Biografie wiegt der Schwebebalken mehr. Für mich halten sie sich das Gleichgewicht.

                           

Comăneci lernte ihren späteren Ehemann, den US-Turner Bart Conner, im März 1976 beim American Cup im Madison Square Garden in New York kennen – geheiratet wurde schließlich 1996. Fotos: Raed Krishan (GOLAZO.ro)
Comăneci lernte ihren späteren Ehemann, den US-Turner Bart Conner, im März 1976 beim American Cup im Madison Square Garden in New York kennen – geheiratet wurde schließlich 1996. Fotos: Raed Krishan (GOLAZO.ro)

Vom Schattendasein ins Rampenlicht

Zum Zeitpunkt unseres Interviews stand Nadia kaum noch im direkten Rampenlicht der Öffentlichkeit. Ihr blieben Auslandsreisen verboten, sportlich war sie nicht mehr aktiv und fast völlig aus dem Blickfeld verschwunden. Elf Jahre nach ihrer „Perfekten 10“ litt sie spürbar unter dem schwindenden Interesse: „Anfangs war es natürlich sehr schwer für mich, damit zurechtzukommen. Nicht einmal jetzt habe ich mich so richtig daran gewöhnt.“ Das änderte sich schlagartig mit ihrer spektakulären Flucht in den Westen. Nadia war auf einmal wieder weltweit in aller Munde – und sollte es bis heute bleiben. Sie wurde zum globalen Sportstar, mit dem sich jeder gerne schmückt. Bei der Sommerolympiade vor zwei Jahren in Paris war sie Fackelträgerin.

Das Jahr 2026 wurde vom rumänischen Parlament offiziell zum „Jahr der Nadia Comăneci“ ausgerufen. Im Parlament fand die feierliche Gala „Nadia 2026“ mit hochrangigen Persönlichkeiten aus Politik und Sport statt. Zuvor war sie im Europaparlament in Brüssel geehrt worden, und bei der Gala der Laureus Sport Awards in Madrid erhielt sie die Auszeichnung für ihr Lebenswerk. Diese renommierte Preisverleihung findet alljährlich statt. 1.300 Journalisten aus mehr als 70 Ländern haben die Nominierten in mehreren Kategorien für die „Oscars des Sports“ ausgewählt, ehe eine Jury die Sieger küren wird. Der rumänische Präsident verlieh Nadia zudem den Nationalen Orden „Stern von Rumänien“ (Großkreuz).

                             

Rumänisches Gipfeltreffen in Madrid: Nadia Comăneci (rechts) händigt Simona Halep die begehrte Trophäe der Madrid Open aus. Foto: Eibner-Pressefoto
Rumänisches Gipfeltreffen in Madrid: Nadia Comăneci (rechts) händigt Simona Halep die begehrte Trophäe der Madrid Open aus. Foto: Eibner-Pressefoto

Vom unbeschwerten Single zur liebenden Ehefrau

Im Interview stellte ich Nadia zwei Fragen zu ihrem Privatleben, die es in sich hatten. Die erste lautete: „Haben Sie noch nicht ans Heiraten gedacht?“ Ihre Antwort: „Im Moment nicht. Ich habe noch Zeit dafür, denn am 12. November wurde ich erst 26 Jahre jung.“ Und die zweite Frage lautete: „Ihr Herz wurde schon an jemanden vergeben?“ Sie antwortete schlagfertig: „Das geht niemanden etwas an." Mamma mia, was für eine Reaktion – kurz, trocken und ein messerscharfer Konter! Für mich bildete genau diese Ansage den eigentlichen Höhepunkt unseres Gesprächs. Doch warum wurde sie nicht zur Überschrift gemacht? Ganz einfach: Für die Sportseite zählte der Boulevard-Faktor – und so landete am Ende ihr Satz über das Heiraten als die perfekte, emotionale Schlagzeile für das Interview. Fragen zu ihrem Privatleben waren damals ohnehin hochgradig heikel – weil zu jenem Zeitpunkt Gerüchte über Nadia zirkulierten, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte (viele Leser werden bestimmt wissen, was ich meine). Doch genau dieser harmlose Satz über das Heiraten tat niemandem weh. Er war für die Chefredaktion der absolut sichere Ausweg. 

Dass das Interview damals überhaupt durch die Zensur rutschte, war eine glückliche Fügung des Schicksals. 1977 wurde die staatliche Medienkontrolle in Rumänien zwar auf dem Papier abgeschafft, wodurch die offiziellen Zensorenbüros in den Redaktionen verschwanden – die Überwachung blieb jedoch lückenlos. Sie wurde ab da direkt von den Chefredakteuren und deren Stellvertretern ausgeübt. Offenbar hatten sie die politische Tragweite der privaten Fragen und Antworten nicht richtig eingeschätzt. Oder gefielen sie ihnen am Ende sogar? Womöglich, weil sie einfach bestrebt waren, eine gute Zeitung für ihre Leser zu machen?   Entgegen kam uns damals auch ein technisches Detail: Bei der Propagandaabteilung des Zentralkomitees in Bukarest gab es keine deutschsprachigen Übersetzer für die offiziellen Pressemeldungen von Staatsbesuchen, Parteitagen oder Sitzungen der Großen Nationalversammlung. Wegen der wenigen deutschsprachigen Zeitungen im Land lohnte sich der Aufwand für das Regime schlicht nicht. So trafen die aktuellen Kommuniqués in rumänischer Sprache abends per Fax in der Druckerei an der Arader Straße ein, mussten vom diensthabenden Redakteur umgehend übersetzt und in das Layout eingebaut werden. Da diese Texte ellenlang waren, schaffte es der Kollege bis zum Andruck unmöglich, alles komplett zu übersetzen. Die von den Behörden erlaubte Folge: Wir durften die offiziellen Texte in einer komprimierten Form publizieren. So gelangte eine Kurzversion auf Seite 1, und der Rest der Zeitung wurde mit echten, lesbaren Artikeln gefüllt, zu denen eben auch mein exklusives Interview mit Nadia gehörte. Dagegen waren die rumänischen und ungarischen Zeitungen voll mit Propaganda. 

Nach ihrer Flucht fand Comăneci im Westen ihr großes Glück. Sie heiratete vor 30 Jahren den amerikanischen Kunstturner Bart Conner, den sie liebevoll als ihre persönliche „Perfekte Zehn“ bezeichnet. Ihr gemeinsamer Sohn Dylan Paul ist heute 20 Jahre alt. 

                                   

Nadia zeigt gerne Flagge in Sachen Stil und hat eine klare Vorliebe für elegante Hosenanzüge. Foto: Raed Krishan (GOLAZO.ro)
Nadia zeigt gerne Flagge in Sachen Stil und hat eine klare Vorliebe für elegante Hosenanzüge. Foto: Raed Krishan (GOLAZO.ro)

Von der Anmut zur Artistik

Zu diesem Trend sagte Nadia im Interview: „Um erfolgreich zu sein, muss der Schwierigkeitsgrad der meisten Übungen von Jahr zu Jahr erhöht werden.“ Tatsächlich hat sich das Kunstturnen über die letzten Jahrzehnte massiv verschoben – weg von der klassischen, tänzerischen Anmut, hin zu einer extremen, hochkomplexen Artistik. Die legendäre „10,0“, die Nadia Comăneci 1976 erreichte, setzte damals ein Limit. Wer die Höchstnote anstrebte, musste eine fehlerfreie, harmonische und elegante Kür zeigen. Risiko wurde belohnt, aber Perfektion im Ausdruck war Pflicht. Heute ist das Wertungssystem offen und splittet sich in die D-Note (Difficulty/Schwierigkeit) und die E-Note (Execution/Ausführung). Da es nach oben hin keinen Deckel für die Schwierigkeit mehr gibt, gewinnt im Zweifel fast immer die Turnerin mit dem höheren Ausgangswert. Spektakuläre Akrobatik schlägt heute die reine Eleganz. Sah man zu Nadias Glanzzeiten oft noch extrem zierliche, beinahe zerbrechlich wirkende Turnerinnen, dominiert heute ein hocheffizienter, extrem muskulöser Athletinnentyp, für den die Amerikanerin Simone Biles beispielhaft steht. Um dreifache Salti oder vierfache Schrauben sicher zu landen, braucht es schiere Explosivkraft und immense Rumpfstabilität. Diese athletische Power verändert naturgemäß auch die Ästhetik der Bewegung: Sie ist dynamischer, kraftvoller und rasanter geworden. Die Realität im Spitzensport ist knallhart kalkuliert: Ein zusätzlicher halber Schwierigkeitspunkt durch ein artistisches Höchstelement wiegt das Risiko eines kleinen Abzugs bei der Haltung meistens auf. Der Trend zur „Akrobatik-Show“ ist im modernen Turnen fest verankert. 

                           Von der Vergangenheit zur Gegenwart

Als ich Nadia fragte, was ihre ehemaligen Kolleginnen machen, erwähnte sie auch die beiden rumäniendeutschen Turnerinnen Emilia Eberle und Melitta Rühn, mit denen sie 1979 Mannschaftsweltmeisterin geworden war. Die Banater Schwäbin Eberle lebte und arbeitete in Arad, wo ich sie bereits 1985 für die NBZ interviewte (siehe Faksimile). Ein halbes Jahr vor Comăneci flüchtete sie in den Westen und hat als Trudy Kollar in Kalifornien ihr Zuhause gefunden. Die Siebenbürger Sächsin Melitta Rühn wanderte nach der Revolution 1990 in die Bundesrepublik Deutschland aus und lebt in der Nähe von München. 

                             

Mein 1985 in der Neuen Banater Zeitung erschienenes Interview mit der banatschwäbischen Ausnahmeturnerin Emilia Eberle.
Mein 1985 in der Neuen Banater Zeitung erschienenes Interview mit der banatschwäbischen Ausnahmeturnerin Emilia Eberle.

Vom Lesen zum Reisen

Die letzte Frage meines Interviews bezog sich auf Nadias Hobbys. Sie sagte: „Ich lese sehr gerne, höre Musik und schaue mir Filme an.“ Heute setzt sie ganz andere Prioritäten. Zusammen mit ihrem Ehemann reist sie viel durch die Welt, um das Turnen zu fördern, an olympischen Veranstaltungen teilzunehmen und mit jungen Talenten in Kontakt zu treten. Dabei gibt sie leidenschaftlich gerne Autogramme, erteilt wertvolle Ratschläge und bietet dem Nachwuchs ihre Unterstützung an.

                           

Blick vom Mont Royal über das weitläufige Stadtgebiet von Montreal mit dem markanten Olympiastadion im Hintergrund.
Blick vom Mont Royal über das weitläufige Stadtgebiet von Montreal mit dem markanten Olympiastadion im Hintergrund.

Montreal: Eine Wegmarke für Comăneci

Nadia wird bald nach Montreal zurückkehren, wo sie fünf Medaillen gewann, darunter dreimal Gold und siebenmal mit der Note 10,0 bewertet wurde. Am 1. August kommt sie zum 50-jährigen Jubiläum der ersten Spiele auf kanadischem Boden für eine Veranstaltung außerhalb des Olympiastadions in die Metropole am Sankt-Lorenz-Strom. Die Organisatoren hoffen, dass sie nicht die einzige Nadia vor Ort sein wird. Sie werben um Dutzende anderer Frauen namens Nadia, die sich ihr anschließen sollen – eine Anspielung auf all die Babys, die in den Jahren nach ihrem Triumph zu Ehren von Comăneci benannt wurden. Heute gäbe es in Quebec, wo Montreal liegt, etwa 1.800 Frauen mit diesem Namen, hieß es. Fünfzig von ihnen werden ausgewählt, um Comăneci im Rahmen des sogenannten „Great Nadia“-Treffens persönlich zu erleben.  

Aus der Nähe beeindruckt die futuristische Architektur des Olympiastadions. Fotos: Helmut Heimann
Aus der Nähe beeindruckt die futuristische Architektur des Olympiastadions. Fotos: Helmut Heimann

Während einer mehrwöchigen Rundreise vor zwölf Jahren durch Kanada besuchten wir Montreal und waren vom Flair der Stadt angetan. Meine Gedanken rasten in die Vergangenheit zurück, hin zu den grandiosen, einzigartigen, fabelhaften Leistungen eines kleinen Mädchens namens Nadia, das mit seiner Eleganz, Grazie, Ausdauer und Willenskraft alle in ihren Bann gezogen hat: bescheiden, zurückhaltend, schüchtern, voll konzentriert und fokussiert auf Stufenbarren, Schwebebalken, Sprung sowie Boden. Erst wenn sie ihre Übungen beendet hatte, huschte manchmal ein flüchtiges Lächeln über ihr hübsches Gesicht. Es drückte den Stolz aus, den sie nach einer gelungenen Landung empfand. 

Unter der Überschrift „Die 10 ist eine Zicke“ schrieb der bekannte Kolumnist Oskar Beck, den ich seit Jahren kenne und der eine absolute Sportjournalisten-Legende ist, 2016 in den Stuttgarter Nachrichten: „Nadia Comăneci stieg an jenem 18. Juli 1976 in Montreal in die von einem großen US-Magazin verwaltete Göttergalerie der 100 wichtigsten Frauen des 20. Jahrhunderts auf.

Erinnerungsfoto  mit mir vor dieser beeindruckenden Kulisse. Foto: Gerti Mayer
Erinnerungsfoto mit mir vor dieser beeindruckenden Kulisse. Foto: Gerti Mayer

Die 14-jährige Rumänin hüpfte in Montreal glücklich vom Stufenbarren – und traute beim Aufleuchten der Wertung ihren Augen nicht. Eine glatte Eins ist perfekt in der Schule. Aber im Turnen bei den Olympischen Spielen ist eine glatte Eins der perfekte Grund, Rotz und Wasser zu heulen, aus der Halle zu rennen und auf die Peitschenhiebe des Trainers zu warten. Die kleine Nadia war völlig verwirrt. Eines der rumänischen Mädchen sagte: ‚Sie meinen eine Zehn, aber der Computer kriegt es nicht hin.‘ Dann, endlich, wurde der grässliche Irrtum korrigiert – und die Sportgeschichte hatte ihren magischen Moment. 10,0 rief der Lautsprecher. Die erste perfekte Zehn. Ein Wunderkind hatte das Unmögliche vollbracht. Jahre danach traf die Göttliche den Chef der Firma, welche die Anzeigetafel damals gebaut hatte, und der verriet ihr: ‚Zwei Monate vor Montreal hatten wir dem Turnverband Modelle mit zwei Stellen vor dem Komma angeboten. Aber alle winkten ab. Nicht nötig, kein Mensch bringt es fertig, eine 10 zu turnen.‘ Denn der Widerstand der 10 war zäh.


Faszinierende Aussicht über die Dächer von Montreal bis zum mächtigen Sankt-Lorenz-Strom. Foto: Helmut Heimann
Faszinierende Aussicht über die Dächer von Montreal bis zum mächtigen Sankt-Lorenz-Strom. Foto: Helmut Heimann

Wie eine Zicke hat diese Zahl sich geziert nach dem Motto: Mich kriegt nicht jeder. Die 10 war Besseres gewohnt als eine kleine Rumänin, die 10 war eine verwöhnte Diva – sie hatte bis dahin den Königen des Fußballs den Rücken verschönt.“ Getragen hatten sie Weltstars wie der donauschwäbische Zauberkünstler Ferenc Puskás (Purczeld), der dreifache brasilianische Weltmeister Pelé, die argentinische „Hand Gottes“ Diego Maradona und der „Karpaten-Maradona“ Gheorghe Hagi.

Nadia turnte damals übrigens nicht im großen Olympiastadion selbst, sondern im Montreal Forum. Gerne hätten wir dieser historischen Sportstätte einen Besuch abgestattet – doch als Teilnehmer einer durchgetakteten Gruppenreise waren wir fest an das vorgegebene Programm gebunden.



Nadias kurze, aber vielsagende Antwort per E-Mail: Die betenden Hände als Zeichen der Dankbarkeit.
Nadias kurze, aber vielsagende Antwort per E-Mail: Die betenden Hände als Zeichen der Dankbarkeit.

Unsere Route führte uns stattdessen zum architektonischen Herzstück der Spiele: Vor der gewaltigen Kulisse des Olympiastadions schoss Gerti ein Erinnerungsfoto von mir – direkt vor dem weltberühmten schiefen Turm. Das olympische Architekturwunder hält mit einer Höhe von 165 Metern und einer Neigung von beeindruckenden 45 Grad sogar den offiziellen Weltrekord als höchstes schiefes Bauwerk der Welt. Zum Vergleich: Der Schiefe Turm in Pisa bringt es lediglich auf knapp 4 Grad.

                       

Mein Logo verkörpert das Motto „Mit Heimann näher dran“ — ein Versprechen für hautnahe Berichte und Journalismus auf Augenhöhe.
Mein Logo verkörpert das Motto „Mit Heimann näher dran“ — ein Versprechen für hautnahe Berichte und Journalismus auf Augenhöhe.

 „Mit Heimann näher dran...“ – wie bei Nadia

Vielleicht hat sich der eine oder andere gefragt, warum mein Blog „Mit Heimann näher dran...“ heißt. Der Name ist Programm. Er steht dafür, dass ich nahe dran bin und war – sowohl an spannenden Themen als auch an großen Persönlichkeiten wie Rockstar Peter Maffay, Jahrhundert-Torhüter Sepp Maier, Karat-Urgestein Bernd Römer, dem „Elfmetertöter von Sevilla“ Helmut Duckadam, den Europameistern Hansi Müller, Karlheinz Förster und Uli Stielike, den Weltmeistern Guido Buchwald und Thomas Berthold, den Legenden von UTA Arad Nicolae Coco Dumitrescu (der als einziger Mensch alle acht Titel mit den Rot-Weißen gewonnen hat) und Flavius Domide (der mich vor 40 Jahren zu sich nach Hause eingeladen hat, was völlig unüblich war) - und eben Nadia. Ich schreibe nicht vom Hörensagen oder zitiere aus anderen Quellen, sondern ich sprach mit allen selbst.

Comăneci habe ich nie aus den Augen verloren. Ich traf sie erstmals 1987 zu einem Gespräch in Temeswar. Vor fünf Jahren gratulierte ich ihr per E-Mail zum 60. Geburtstag. Ihre Adresse besteht aus zwei nichtssagenden Buchstaben, einer bedeutungslosen Zahl und dem Namen ihres E-Mail-Anbieters. Niemand würde auf die Idee kommen, dass es sich um Nadias private Mailadresse handelt. So handhaben es viele Persönlichkeiten, weil sie ein ungestörtes Privatleben führen möchten. Nur Nadias Familie, enge Freunde, gute Bekannte und eine Handvoll Journalisten, die ihre Diskretion wahren, kennen diese Adresse. Neuneinhalb Stunden nach der Mail traf ihre Antwort in meinem elektronischen Postfach ein: zwei betende Hände mit blauen Ärmeln, was eine Geste der Dankbarkeit bedeutet. Die betenden Hände wurden 2010 genehmigt. Nadias Symbole reichten völlig aus. „Zeichen sagen mehr als tausend Worte“, schrieb Benedikt Wenk in Die Welt über die Bedeutung von Emojis. Laut dem Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung haben Symbole die Fähigkeit, umfassende Inhalte auf eine weitergehende Weise wiederzugeben als dies in anderen menschlichen Darstellungssystemen möglich ist. Während der Geburtstagsparty in Las Vegas postete Nadia ein Foto der Torte mit den betenden Händen darüber. Offenbar liebt sie dieses Emoji. Umso mehr freute es mich, dass sie es auch in ihrer Antwort an mich verwendet hat.

Anfang Juni rief ich Nadia von Deutschland aus auf ihrer amerikanischen Mobilfunknummer an, erreichte sie in Rumänien mitten am Filmset – und sie ging trotz des Stresses tatsächlich ran. Als ich meinen Namen nannte, sagte sie schlicht: „Ich weiß.“ Sie wusste also, wer ich bin, und erzählte von den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über ihr Leben. Passend zum anstehenden 50-jährigen Jubiläum ihrer historischen „Perfect 10“ bei den Olympischen Spielen 1976 befindet sich eine große, neue Dokumentation in der Umsetzung. Der Film NADIA von Libra Films soll weit über die bekannten Archivbilder der unschuldig wirkenden 14-Jährigen mit den roten Schleifen im Haar hinausgehen. Er beleuchtet intensiv die Kehrseite der Medaille: das Leben im engen, kontrollierten Korsett des kommunistischen Ceaușescu-Regimes, das von massivem Drill geprägte Trainingsumfeld unter Béla und Márta Károlyi sowie die dramatische, lebensgefährliche Flucht im November 1989. Die Dokumentation soll die außergewöhnliche Lebensgeschichte der „Göttin von Montreal“, wie sie in den rumänischen Medien bezeichnet wird, einer neuen Generation nahebringen. Der reguläre Kinostart ist für 2027 geplant. 

Mein Telefonat mit Nadia dauerte nicht lange. Nach fast vierzig Jahren habe ich ihre Stimme wieder gehört und am Klang sofort gemerkt: Es geht ihr gut. Der Kreis hat sich geschlossen – von 1987 zu 2026. „Manchmal schickt dich das Leben auf eine riesige Reise, nur damit du am Ende verstehst, dass der Anfang der wichtigste Ort war. Wenn sich der Kreis schließt, ist das kein Stillstand, sondern Vollendung", lautet ein Sinnspruch. Er erinnert daran, dass uns Lebenserfahrungen oft prägen, zurück zu unseren Wurzeln führen und das wahre Glück im Verstehen des Ursprungs liegt. Es ist ein wunderbarer Gedanke über das Ankommen und die treffendste Beschreibung für den Lebensweg einer Frau, die einst als Kind die Welt verzauberte und heute, Jahrzehnte später, beim Blick zurück auf ihre Wurzeln genau die emotionale Erfüllung findet, wo damals alles begann.


Bis zum nächsten Klick auf meinen Blog…


Als neuer Beitrag folgt: Zwischen Genie und Wahnsinn – Tennis-Legende Ilie Năstase wird 80

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