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75 Jahre Ladislaus Brosovszky: Die UTA-Legende ruht, die Erinnerung lebt

  • vor 8 Stunden
  • 12 Min. Lesezeit

100 Erstligatore! Ein Rekord für die Ewigkeit


Wer sucht, wird fündig. Manchmal auch wenn's lange dauert. 1968 sah ich in der deutschsprachigen Zentralzeitung Neuer Weg aus Bukarest ein Foto, das mich über all die Jahrzehnte nicht mehr losgelassen hat. Immer wenn der Name von Ladislaus Brosovszky fiel, musste ich unwillkürlich an dieses Bild denken. Es zeigte ihn in banatschwäbischer Tracht mit Kirchweihhut, Vorstrauß und seiner Partnerin. Der berühmte UTA-Fußballer Brosovszky als Kerweihbu? Irgendwie wollte das für mich als damals Zehnjährigen überhaupt nicht zusammenpassen.

Geburtstags-Collage für Ladislaus Brosovszky von Călin Giurgiu
Geburtstags-Collage für Ladislaus Brosovszky von Călin Giurgiu

Viele Jahre später hat mir meine journalistische Neugier keine Ruhe gelassen. Ich musste die Geschichte, die hinter diesem Foto stand, herausfinden - egal wie! Deshalb habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, biss jedoch lange Zeit auf Granit. Dann wurde ich doch noch fündig. Im Hochsommer 2020 war es soweit. Endlich wurden meine Recherchen von Erfolg gekrönt. 

Anlässlich von 50 Jahren seit dem Rauswurf von Feyenoord Rotterdam durch UTA Arad im Europapokal der Landesmeister rief ich Brosovszkys Tochter Monika in Rumänien an, um über ihren verstorbenen Vater Ladislaus zu reden. Anschließend reichte sie den Hörer an ihre Mutter Anna Maria, geborene Krutsch, weiter, die neben ihr im Auto saß. Beide waren in Târgoviște unterwegs, wo Anna Maria eine Wohnung besaß. Sonst lebten Mutter und Tochter in Arad. Von Anna Maria Brosovszky, der Ehefrau des UTA-Fußballers, erfuhr ich die Geschichte des Kerweihfotos, das in all den Jahren irgendwo in meinem Hinterkopf gespeichert war.


Trotz umfangreicher Recherchen konnte das Kerweihfoto nicht aufgefunden werden. Stattdessen ein Bild mit Anna Maria Krutsch (spätere Brosovszky), dritte von links, mit der Trachtengruppe der Engelsbrunner Volksschule im Schuljahr 1964/65. Einsender: Peter Titsch
Trotz umfangreicher Recherchen konnte das Kerweihfoto nicht aufgefunden werden. Stattdessen ein Bild mit Anna Maria Krutsch (spätere Brosovszky), dritte von links, mit der Trachtengruppe der Engelsbrunner Volksschule im Schuljahr 1964/65. Einsender: Peter Titsch

Die Banater Schwäbin wurde am 11.10.1950 in Wiesenhaid als Tochter von Peter Krutsch und Eva Maria Feil geboren. Da es nur in den ersten vier Klassen in ihrem Geburtsort Deutschunterricht gab, besuchte sie die Klassen fünf bis acht an der Volksschule im drei Kilometer entfernten Engelsbrunn, wo sie im Internat wohnte. Im Anschluss bestand sie die Aufnahmeprüfung am Pädagogischen Lyzeum in Arad. Dort spielte sie sehr gut Handball und später Volleyball mit Sănătatea Arad in der ersten Liga. Peter Titsch, ihr ehemaliger Klassenkollege in Engelsbrunn, sagte: „An der Volksschule war sie nicht nur Klassenbeste im Sport, sondern auch Klassensprecherin.“ 

Anna Maria im Rückblick: „Ladislaus ging in die Vagonul-Berufsschule auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er sah mich Handball spielen und wollte mich unbedingt kennenlernen.“ Viorel Sima, der ebenfalls die Werksschule besuchte, später bei UTA landete, wo er zusammen mit Brosovszky Landesmeister bei den Junioren und später in den Spielen gegen Feyenoord eingewechselt wurde, vermittelte zwischen den beiden: „Ladislaus und ich waren gute Freunde. Ich habe ihm Anna Maria vorgestellt“. Und diese sagte über das erste Rendezvous: „Wir haben uns gesehen und auf Anhieb gefallen.“ Es war Liebe auf den ersten Blick. Der feurige Ungar Ladislaus Brosovszky mit den blauen Augen aus Arad und die quirlige Banater Schwäbin Anna Maria Krutsch aus Wiesenhaid - da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Die Familien Brosovszky und Sima trafen sich danach oft, feierten zusammen Silvester.


Ladislaus, Anna Maria und Monika Brosovszky Foto: Familienarchiv Brosovszky
Ladislaus, Anna Maria und Monika Brosovszky Foto: Familienarchiv Brosovszky

1968, als die Kerweih in Anna Marias Geburtsort Wiesenhaid abgehalten wurde, nahm sie mit ihrem damaligen Freund Ladislaus Brosovszky daran teil. „Dort entstand dieses Bild von uns, das im Neuen Weg veröffentlicht wurde", lachte sie. Nach 52 Jahren hatte ich endlich die Geschichte hinter dem Foto gefunden!

1973, fünf Jahre nach dieser Kirchweih, heirateten die beiden - und sollten 17 Jahre lang zusammenbleiben. Es war übrigens nicht das erste Mal, dass sie in Wiesenhaid gefeiert haben. „Bei uns daheim gab es einen großen Tanzsaal, in dem einmal die ganze UTA-Mannschaft mit Frauen und Freundinnen Silvester begangen hat“, so Anna Maria.

An die Riesensensation gegen Feyenoord erinnerte sie sich so gut, als wäre sie erst gestern gewesen: „Einmalig! Wir waren außer uns vor Freude.“ Die Lehrerin für Deutsch und Sport hat viele Spiele ihres Mannes im Stadion gesehen. Beide verband die sportliche Leidenschaft.

Da Ladislaus Brosovszky kein Deutsch konnte, hat es ihm seine Frau beigebracht. Am 12.03.1974 erblickte Tochter Monika Isabella in Wiesenhaid das Licht der Welt, die ebenfalls sehr gut Deutsch spricht. In der Familie haben sich die drei dann oft auf Deutsch unterhalten. „Mein Vater hat sich so sehr einen Jungen gewünscht und bekam ein Mädchen. Dafür habe wenigstens ich einen Jungen bekommen“, schmunzelte sie. Alexander trat aber nicht in die Fußstapfen seines berühmten Großvaters, sondern in die seiner Mutter. Wie einst seine Mama spielte er Basketball.


Familie Brosovszky bei UTA im legendären Trophäenzimmer
Familie Brosovszky bei UTA im legendären Trophäenzimmer

Monika Brosovszky hat es wie ihr bekannter Vater sportlich sehr weit gebracht. Sie gilt als beste Basketballspielerin Rumäniens aller Zeiten. Das „blonde Wunder“, wie sie ehrfurchtsvoll von Freund und Feind genannt wurde, gewann mit ICIM Arad und CSM Târgoviște insgesamt sieben Landesmeistertitel, bestritt 270 Länderspiele für Rumänien, nahm mit der Nationalmannschaft an drei Europameisterschaften teil, spielte für Vereine in Ungarn und Spanien. 2018 beendete sie ihre aktive Karriere im Alter von 44 Jahren. Beeindruckend! 

Genauso imposant war auch die Laufbahn ihres Papas als Fußballer. Er wurde am 23.03.1951 in Arad geboren. Sein Vater Anton war ebenfalls Fußballspieler und ist als solcher in die Annalen von UTA eingegangen. Am 27.05.1945 erzielte der blonde Brosovszky sen. im allerersten Spiel von UTA in der 2. Minute das allererste Tor der Vereinsgeschichte bei der 2:3-Niederlage in der Freundschaftspartie in Kleinsanktnikolaus gegen die Lokalmannschaft Banatul. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm. Anton wuchs bei einer ungarischen Pflegefamilie in Arad auf, sein älterer Bruder Johann bei einer deutschen Pflegefamilie in Kleinsanktnikolaus.


Ladislaus in seinem ersten Meistertrikot Fotos: Archiv Radu Romanescu
Ladislaus in seinem ersten Meistertrikot Fotos: Archiv Radu Romanescu

Der Name Brosovszky ist vom Ursprung her polnisch (ursprünglich wohl Brzozowski). Die Endung -szky ist die ungarische Schreibweise des polnischen -ski. Viele polnische Familien wanderten über die Jahrhunderte in das Königreich Ungarn als Teil des Habsburgerreichs aus. Dort wurde die Schreibweise oft angepasst, um der ungarischen Phonetik zu entsprechen (das „sz“ wird im Ungarischen wie das deutsche „s“ ausgesprochen).

Obwohl der Name slawische Wurzeln hat, war die Familie über Generationen in der ungarischen Kultur und Sprache sozialisiert, völlig normal im ehemaligen Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Ladislaus wurde in Arad geboren, das nahe der ungarischen Grenze liegt und eine historisch bedeutende ungarische Gemeinschaft hat. Die Stadt gehörte lange zu Ungarn und kam erst nach 1918 zu Rumänien. Er wuchs also in einem Umfeld auf, in dem die ungarische Sprache und Kultur prägend waren.

Als jüngster von Antons drei Söhnen begann er im Alter von sieben Jahren mit dem Fußballspiel und machte sehr schnell auf sich aufmerksam. Seine Anfänge waren bei CFR Arad. Dort kickten auch seine Brüder Tibi und Joska. Zeitweise spielten alle drei in einer Mannschaft. Ihr Elternhaus befand sich nahe dem Vagonul-Stadion. Bereits mit 16 Jahren galt Ladislaus als Rohdiamant, der für Vagonul in der B-Liga spielte und mit dem Verein 1968 als Siebzehnjähriger in die erste Liga aufstieg. Anschließend wechselte er zum Lokalrivalen UTA. Mit diesem gewann er im gleichen Jahr die Landesmeisterschaft der Junioren 6:0 im Finale in Temeswar gegen Dinamo Bukarest. Die Torgefährlichkeit Brosovszkys zeigte sich auf Anhieb. Als linker Außenverteidiger gelangen ihm zwei Treffer.


Gioni Brosovszky als Karikatur von Roxana Alexandru Barbu
Gioni Brosovszky als Karikatur von Roxana Alexandru Barbu

Verständlich, dass der legendäre Trainer Nicolae Coco Dumitrescu schnell auf ihn aufmerksam wurde, denn er hatte einen starken linken Fuß und war technisch versiert. Kein Wunder, dass er – ebenfalls mit 17 Jahren – für UTA in der A-Liga debütierte. Das geschah am 01.09.1968 bei der 0:1-Niederlage in Ploiești gegen Petrolul. Er wurde in der 73. Minute für Petru Schiopu eingewechselt. Bereits eine Woche später stand er in der Startelf beim 1:0-Sieg gegen Rapid Bukarest. Ladislaus hatte den Durchbruch geschafft und wurde zum Stammspieler. Sein erstes Tor in der A-Liga gelang ihm am 1. Dezember 1968 beim 1:0 gegen Uni Klausenburg. Der gelernte Schlosser bestritt in jener Spielzeit 1968/69 beachtliche 21 von 30 Punktspielen und wurde als Jüngster in der Mannschaft Meister mit UTA. Ein Jahrhunderttalent!

Brosovszky war 1,75 m groß, 68 Kilo schwer, hatte eine beeindruckende Sprungkraft von 53 Zentimeter und einen blitzschnellen Antritt mit 6,5 Sekunden über 50 Meter sowie 13,2 Sekunden über 100 Meter. Der sonst so gestrenge Trainer Dumitrescu lobte ihn: „Er ist eine angenehme Überraschung, aufmerksam, diszipliniert, mit guter Orientierung, präzisen Pässen und tollem Stellungsspiel. Er macht schöne Sachen, hat ein starkes Kopfballspiel.“ Die Lobesworte spornten den ehrgeizigen Ladislaus noch mehr an: „Ich strebe danach, ein kompletter Spieler zu werden, mit Persönlichkeit, gefürchtet wie Facchetti.“ Der berühmte italienische Verteidiger Giacinto Facchetti spielte 18 Jahre lang für Inter Mailand und errang zahlreiche Erfolge mit den Nerazzurri.


Die UTA-Mannschaft vor dem Anpfiff gegen Feyenoord Rotterdam in Arad (von links nach rechts): Mircea Axente, Gábor Bíró, Ladislaus Brosovszky, Dumitru Calinin, Florian Dumitrescu, Flavius Domide, Ottto Dembrovsky, Jenő Pozsonyi, Josef Leretter, Gheorghe Gornea und Mircea Petescu. Von den Helden leben Axente und Dumitrescu. Foto: Revista Sportul
Die UTA-Mannschaft vor dem Anpfiff gegen Feyenoord Rotterdam in Arad (von links nach rechts): Mircea Axente, Gábor Bíró, Ladislaus Brosovszky, Dumitru Calinin, Florian Dumitrescu, Flavius Domide, Ottto Dembrovsky, Jenő Pozsonyi, Josef Leretter, Gheorghe Gornea und Mircea Petescu. Von den Helden leben Axente und Dumitrescu. Foto: Revista Sportul

Dem ersten Meistertitel ließ Brosovszky in der darauffolgenden Saison 1969/70 mit UTA den zweiten folgen. Zwei Landesmeisterschaften in seinen ersten beiden Jahren in der A-Liga gewonnen – das konnte sich mehr als sehen lassen. Hinzu kommt die Vizemeisterschaft in der Spielzeit 1971/72. Er spielte insgesamt elf Jahre für UTA. In dieser Zeit stellte Gioni, wie der torgefährliche Linksfüßer genannt wurde, einen Rekord für die Ewigkeit auf. Mit 100 Treffern in der A-Liga ist er der torgefährlichste UTA-Kicker aller Zeiten! Das ist umso beachtlicher, weil er diese 100 Treffer in seinen 314 Punktspielen zunächst als Verteidiger, später als Mittelfeldspieler schoss – und nicht als Stürmer. Er fiel durch seine Vielseitigkeit auf und war bekannt dafür, Tore aus allen Lagen zu erzielen – sei es per Kopf, mit dem starken linken oder dem schwachen rechten Fuß.

Acht Treffer, davon allein sieben in Arad, schoss Ladislaus zwischen 1973 und 1978 in sieben traditionsreichen Banater Derbys gegen Poli Temeswar, darunter ein Doppelpack innerhalb von fünf Minuten beim 2:0 im Heimspiel am 18.05.1975. Für die Studentenelf war er ein wahrer Angstgegner, da UTA bis auf ein Unentschieden alle anderen Partien gewann, in denen Gioni getroffen hat. Dreimal erzielte er sogar das Siegestor und war der Erfolgsgarant von UTA gegen Poli.


So berichtete Sportul von der Riesensensation über den amtierenden Weltcupsieger und Europapokalgewinner.
So berichtete Sportul von der Riesensensation über den amtierenden Weltcupsieger und Europapokalgewinner.

Im „Club 100“ des rumänischen Fußballs befinden sich 39 Spieler mit 100 Treffern. Unter ihnen ist Ladislaus Brosovszky der Einzige, der einen Teil davon als Verteidiger geschossen hat und als Abwehrspieler zweimal Landesmeister geworden ist. „Wenn man aus diesen Torschützen eine Jahrhundertmannschaft aufstellen würde, wäre er die einzige realistische Option für die Position des linken Verteidigers, was ihm einen legendären und einzigartigen Status verleiht“, informiert Gemini, der KI-Assistent von Google.

Bei der Sensation gegen Feyenoord war Gioni jüngster Spieler auf dem Platz. Als Außenverteidiger zeigte er, was er alles mit dem Ball anstellen konnte, obwohl er angeschlagen spielte. „Der junge Brosovszky war so intelligent, prompt, klar, ehrgeizig und opferbereit, dass er einem der weltbesten Rechtsaußen, dem blonden Wery, standgehalten hat“, überschlug sich die Fachzeitung Sportul im Spielbericht in Lobeshymnen über ihn. Er war es auch, der am 13. September 1972 bei der 1:2-Niederlage in Arad gegen die Schweden von IFK Norrköping in der 1. Runde des UEFA-Pokals mit einem Kopfball das bisher letzte Europapokaltor von UTA erzielt hat. Lang, lang ist’s her.

Brosovszky schoss gegen Tottenham Hotspur im Viertelfinal-Hinspiel des ersten UEFA-Cups mit seinem starken linken Fuß aufs Tor. UTA verlor am 7. März 1972 in Arad gegen den späteren Pokalsieger 0:2. Foto: Viorel Musca
Brosovszky schoss gegen Tottenham Hotspur im Viertelfinal-Hinspiel des ersten UEFA-Cups mit seinem starken linken Fuß aufs Tor. UTA verlor am 7. März 1972 in Arad gegen den späteren Pokalsieger 0:2. Foto: Viorel Musca

Zwischen 1975 und 1978 traf er in jeder Spielzeit zweistellig: 1975 (15 Treffer), 1976 (15), 1977 (16) sowie 1978 (13) und war regelmäßig unter den ersten zehn Torschützen der A-Liga. Er hatte mehrere Angebote, auch von Steaua und Dinamo. Aber selbst seine Familie konnte ihn nicht zu einem Wechsel überreden. Das kostete ihn eine große Karriere in der Nationalmannschaft, da damals vorwiegend Spieler von hauptstädtischen Vereinen in die Auswahl berufen wurden und weniger aus der Provinz. Während seiner beeindruckenden Karriere war er in etwa zwanzig Ländern unterwegs, darunter Argentinien, Brasilien, Peru, Holland, Marokko, Portugal, Frankreich, Vietnam, Thailand oder Iran. Aber er kehrte immer in seine Heimat zurück und blieb seiner Geburtsstadt Arad treu.


Zweimal Gioni auf den Lieblingsbildern seiner Familie. Foto: Archiv Radu Romanescu
Zweimal Gioni auf den Lieblingsbildern seiner Familie. Foto: Archiv Radu Romanescu

Am 17.06.1979 gelang Ladislaus Brosovszky am vorletzten Spieltag bei der 2:3-Niederlage in Râmnicu Vâlcea gegen Chimia per Elfmeter sein 100. Tor in der A-Liga. Eine Woche später bestritt er sein letztes Meisterschaftsspiel beim 6:2-Sieg gegen Poli Jassy. Diese Begegnung sollte in die Geschichte des rumänischen Fußballs eingehen. Trotz des Schützenfestes wurde UTA nur Vorletzter und stieg zum ersten Mal ab - nach 33 Jahren Erstligazugehörigkeit.


Biografie von Ladislaus Brosovszky
Biografie von Ladislaus Brosovszky

Mein Beitrag in der Biografie
Mein Beitrag in der Biografie

Ein bitterer Moment für den Verein und Brosovszky. Der war so enttäuscht, dass er nach drei Partien in der neuen Zweitligasaison bei UTA aufhörte und seine Karriere bei Rapid Arad (frühere Vagonul) ausklingen ließ. Dort spielte er mit seinem guten UTA-Freund Flavius Domide zunächst in der C- Liga und stieg in die B-Liga auf, wo er zwischen 1980 und 1982 insgesamt 37 Partien bestritten hat, darunter in der Spielzeit 1980/81 gegen seinen Ex-Verein UTA. Seine Laufbahn umfasste noch 16 Spiele im Europapokal (vier Tore), 13 Spiele in der Jugendnationalmannschaft (ein Tor) und drei Länderspiele (ein Tor) für Rumänien.

Wie kam er zum Spitznamen Gioni? Anna Maria erklärte: „Da er schon in jungen Jahren so gut war, schrien die Zuschauer seinen älteren Mitspielern zu, sie sollen doch den Ball zu Gioni passen." So hatte er den Namen Gioni weg. Und dieser Gioni machte Furore, indem er Tore wie am Fließband erzielte. 

Aus jener Zeit gibt es eine lustige Anekdote. Coach Coco Dumitrescu kritisierte Brosovszky mal im Training, weil er nicht genügend laufen würde. Gioni entgegnete ihm schlagfertig: „Laufen kann doch jeder, auch ein Pferd. Aber was kann ein Pferd mit dem Ball machen?“


Im alten UTA-Stadion errang Gioni seine großen Erfolge. Foto. Peter Titsch
Im alten UTA-Stadion errang Gioni seine großen Erfolge. Foto. Peter Titsch

Ladislaus Ausstrahlung war enorm. „Er hatte einen solchen Charme, dass er wann immer hätte Schauspieler werden können“, schwärmte Doru Nica, seinerseits Darsteller am Arader Thalia-Theater und jahrzehntelanger Stadionsprecher von UTA. „Brosovszky war der letzte große Romantiker des Arader Fußballs. Er sah so aus, als könne er jederzeit vom Fußballplatz in ein Filmstudio, auf die Rockbühne oder Tanzfläche wechseln“, schrieben die Autoren Radu Romanescu und Ionel Costin in ihrer in der Maroschstadt erschienenen Biografie „Gioni Brosovszky – ultimul mare romantic“ (Gioni Brosovszky – der letzte große Romantiker).

Einen Großteil seiner Freizeit widmete er der Familie. Die Leidenschaft für den Sport gab er an seine Tochter weiter. Gioni war der größte Fan von Monika und besuchte ihre Basketballspiele, sooft er konnte. Wie die meisten technisch begabten Fußballer jener Zeit spielte er begeistert Fußballtennis neben dem alten UTA-Stadion oder in Freizeiteinrichtungen in Arad. Diese Spiele waren nicht nur Bewegung für ihn, sondern auch eine Möglichkeit, mit anderen Sportlern in Kontakt zu kommen.

Er galt als Kultfigur und flanierte gerne über den Korso in Arad, wo er oft anhielt, um mit den Anhängern zu plaudern. Gioni war kein zurückgezogener Star. Im Gegenteil, er liebte es, unter Menschen zu sein und galt trotz seiner Ausnahmestellung als äußerst beliebt sowie bescheiden. „Mein Vater war ein lustiger Mensch“, erzählte seine Tochter Monika. „Wenn er keinen Scherz machte, merkte man sofort, dass er ein Problem hatte, verärgert oder betrübt war.“

Nach seiner aktiven Karriere blieb Brosovszky – wie auch anders - dem Fußball erhalten: zunächst als Trainer bei den Drittligisten Frontiera Curtici und CFR Arad, dann bei den UTA-Junioren, Drittligaklub Unirea Großsanktnikolaus, dem Kreisligateam Blănarul Arad sowie zuletzt als Assistenztrainer der UTA-Mannschaft, die in der Saison 1990/91 von seinem Kumpel Domide trainiert wurde.

Es war nicht nur seine letzte Fußballstation, sondern auch die letzte seines jungen Lebens. „Am 23. Dezember 1990 lag er im Bett und las. Eine halbe Stunde vor Heiligabend ist er an einem Herzinfarkt gestorben“, erinnerte sich seine Frau Anna Maria mit Trauer in der Stimme. Einer der ganz Großen nicht nur des Arader, sondern des gesamten rumänischen Fußballs war mit 39 Jahren viel zu früh für immer gegangen.

„Gioni hatte schon als Spieler Probleme mit dem Herz. Die Mannschaftsärzte drängten ihn, sich behandeln zu lassen“, sagte mir Attila Kun. Der ehemalige Stürmer aus Großwardein spielte ab 1970 vier Jahre lang mit Brosovszky bei UTA und dreimal mit ihm in der rumänischen Nationalmannschaft. „Er hatte ein außergewöhnliches Talent, war sehr, sehr begabt“, schwärmte Attila, der als Kun II bekannt geworden ist. „Wir brauchten uns auf dem Platz sprachlich nicht zu verständigen, sondern ahnten, was der andere tun wird. Er hatte einen strammen Schuss und große Kombinationsfreude. Wir waren gute Freunde. Ich kannte seine ganze Familie, auch seinen Vater und wurde oft von ihnen eingeladen.“

Der pfeilschnelle Angreifer Kun II war beim letzten Länderspiel von Brosovszky dabei, der ersten Begegnung zwischen Rumänien und Argentinien überhaupt. Sie fand am 22. April 1974 vor 45.000 Zuschauern in Buenos Aires statt. Die Gauchos gewannen den Test mit 2:1. Gioni wurde nach 77 Minuten mit der Rückennummer 4 für Anghel Iordănescu eingewechselt. Das rumänische Tor schoss Kun II, den Siegtreffer Mario Kempes, der vier Jahre später im eigenen Land Weltmeister, bester Turnierspieler und Torschützenkönig mit der Albiceleste werden sollte. Attila Kun schrieb mit seinem Treffer Fußballgeschichte als Rumäniens erster Torschütze in den Länderspielen gegen Argentinien. Im Kasten stand mit Silviu Iorgulescu ein dritter Spieler von UTA. Kun II ist auch mit 77 Jahren noch topfit. Er kam 1985 nach Deutschland, lebt zurzeit in Schorndorf, wo er an der Volkshochschule Kurse für Wasser- und Rückengymnastik leitet.

Zwischen 1978 und 1982 spielte Torhüter Helmut Duckadam mit Gioni Brosovszky zusammen bei UTA. Nach dessen Tod sagte Ducki: „Ich war am Anfang meiner Karriere, er an ihrem Ende. Ein korrekter, emblematischer Typ, an den ich mich sehr gerne erinnere. Es war für uns Jungen sehr wichtig, einen solchen Anführer in der Kabine zu haben.“ Und der bekannte Banater Sportkommentator Nicolae Secoșan, der viele UTA-Spiele mit Ladislaus Brosovzky im Radio übertragen hat, meinte: „Mit seiner besonderen Eleganz sowohl im Spiel als auch im Verhalten konnte er niemanden gleichgültig lassen. Für seine Qualitäten wurde er geliebt und geschätzt.“

Duckadam ist wie Brosovszky tot. Dessen Grab befindet sich auf dem Arader Friedhof Pomenirea. Dort folgte ihm unlängst seine Ehefrau Anna Maria nach. Sie verstarb am 20. Februar 2026 nach langer Krankheit in einer Arader Klinik und wurde drei Tage später im Grab ihres Mannes beigesetzt. Nach 36 Jahren sind sie in ihrer letzten Ruhestätte wieder vereint.

Ladislaus Brosovszky wäre am vergangenen 23. März 75 Jahre alt geworden. Er war ein begnadeter Spieler, der bewiesen hat, dass man auch ohne ein klassischer Stürmer zu sein, viele Tore schießen und Geschichte schreiben kann. Deshalb bleibt er unvergessen. 2022 erschien die erwähnte Biografie, die auch einen Beitrag von mir enthält (siehe Faksimiles). Ebenfalls in jenem Jahr wurde die Gegentribüne des neuen Arader Stadions nach ihm benannt. Die Legende ruht, aber die Erinnerung lebt. Denn ein großer Toter stirbt nie.


Bis zum nächsten Klick auf meinen Blog…


Als neuer Beitrag folgt: Vor 40 Jahren gewann Steaua Bukarest den Europapokal

 

 

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