40 Jahre Sevilla: Als Helmut Duckadam zur Mauer wurde
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Exklusiv! Darum schweigt Bernd Schuster

Ein Journalist schuldet den Lesern vieles, aber vor allem eines: die Wahrheit – auch dann, wenn sie unbequem ist. In einer Welt voller Halbwahrheiten habe ich mich für ein Prinzip entschieden, das so altmodisch wie überlebenswichtig ist: Ehrlichkeit. Nicht nur gegenüber den Fakten, sondern vor allem gegenüber mir selbst.
Mein heutiger Beitrag bildet da keine Ausnahme. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Ereignisse ohne kritische Zwischentöne zu schildern. Doch das würde weder der Sache noch dem Anspruch an meine Arbeit gerecht werden.
Die Wahrheit ist: Im Banat waren Bukarester Fußballmannschaften noch nie beliebt, egal unter welchen Namen sie antraten. Auf der Unbeliebtheitsskala rangier(t)en Steaua und Dinamo ganz oben. Hinter Steaua stand das Verteidigungsministerium mit dem Ceaușescu-Clan angeführt von Diktatorenbruder Generalleutnant Ilie Ceaușescu, ehemals Verteidigungsminister, und dem Diktatorensprössling Valentin, hinter Dinamo das Innenministerium mit Miliz und Securitate.

Beide Vereine wurden und werden von vielen Banatern als kommunistische Dinosaurier bezeichnet, weil sie 1947 (Steaua) bzw. 1948 (Dinamo) gegründet wurden. Sie waren Erzrivalen, die mit allen Mitteln erbittert um die Vormachtstellung im rumänischen Fußball kämpften, oft auch mit unlauteren: Die Schiedsrichter mussten nach ihrer Pfeife tanzen, die Gegner wurden verbal eingeschüchtert, Spiele getürkt, die besten Fußballer aus dem ganzen Land nach Bukarest abkommandiert.
Negativer Höhepunkt war das Finale 1988 um den Rumänienpokal, als Steaua den Platz verließ, weil ein Tor wegen Abseits annulliert wurde. Trotzdem bekam die Militärelf einige Tage später den Sieg am grünen Tisch zugesprochen. Steaua wollte den Pokal nach der Wende an Dinamo übergeben. Doch der Konkurrent lehnte ab. Die Rivalität kostete Rumänien 1986 die Teilnahme am Endturnier der Fußball-Weltmeisterschaft. Weil Nationaltrainer Mircea Lucescu als Ur-Dinamovist fast keine Spieler von Steaua berief, scheiterten die Tricolorii in der Qualifikation. Die Mutter von Torhüter Helmut Duckadam warf Lucescu die Nichtnominierung ihres Sohnes vor. Er brachte es nur auf zwei Länderspiele, beide 1982. Im Test gegen Dänemark spielte er durch, in jenem in der DDR wurde er erst drei Minuten vor Schluss eingewechselt.

Ebenfalls Wahrheit ist: Der Menschenschlag aus Bukarest wurde von den Banatern nicht gemocht. Ich lese seit 36 Jahren das Temeswarer Wochenblatt Fotbal Vest, mittlerweile die letzte in Rumänien gedruckte Sportzeitung, weshalb man vor den Banater Kollegen den Hut ziehen muss. Darin bezeichnen sie die Bukarester permanent als „mitici“. Der Name geht auf den großen rumänischen Dramatiker und Satiriker Ion Luca Caragiale (1852–1912) zurück. Er schuf die Figur des Mitică (eine Koseform von Dumitru), die zum Prototyp des Bukaresters der Mittelschicht im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde.
Caragiale beschrieb den Mitică als jemanden, der permanent redet, aber wenig sagt, sich über alles lustig macht („mișto”), der ein Meister der Oberflächlichkeit und des Klatsches ist, sich mit Witz und Improvisation durchs Leben schummelt, ohne jemals wirklich tief in die Materie einzutauchen. Der Begriff wird oft von Rumänen aus anderen Regionen (besonders aus dem Banat und Siebenbürgen) verwendet, um den Kontrast zwischen dem eher „preußisch-ernsten” oder langsameren Lebensstil im Westen und dem „balkanesisch-quirligen” Bukarest zu verdeutlichen. Für einen Banater wirkt der Mitică oft etwas unzuverlässig oder zu laut.

Was mich betrifft, hatte ich nie Probleme damit. Ich publizierte in der Gazeta Sporturilor, der früheren Sportul und seit zwei Jahren regelmäßig im führenden Sportportal GOLAZO.ro, beide aus Bukarest. Einige hauptstädtische Journalisten kenne ich seit Jahrzenten. Wir haben uns gut verstanden, obwohl wir manchmal unterschiedlicher Meinung waren wie bei Steaua und Dinamo. Als ein rumänischer Kollege vor zwei Jahren in Deutschland bei der Fußball-Europameisterschaft war, diskutierten wir auch über die Vergangenheit von Steaua und Dinamo. Er hatte eine andere Meinung als ich, wir haben sie respektiert, und das Thema war vom Tisch.

Im heutigen Beitrag werde ich aus meiner Sicht über den Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1986 durch Steaua Bukarest schreiben, mit dem so gut wie niemand gerechnet hat. Es war der erste Triumph eines Klubs aus einem sozialistischen Land im wichtigsten europäischen Pokal für Vereinsmannschaften sowie der größte Erfolg für den rumänischen Fußball überhaupt.
Eine bloße 1:0-Berichterstattung liegt mir fern – mich interessiert nicht, wer damals aus zehn Metern mit links ins rechte obere Eck geschossen hat. Stattdessen wird es viel Hintergrund geben mit Blicken hinter die Kulissen und Anekdoten, die die Rückschau auf das EC-Finale abrunden.

Einige Europapokalspiele von Steaua habe ich live erlebt. Für mich waren sie Mittel zum Zweck, um internationale Begegnungen in der Hauptstadt zu sehen, bei denen ich Gelegenheit für Interviews mit Weltstars bekommen würde. Nicht die Chefredaktion der Neuen Banater Zeitung (NBZ) aus Temeswar hatte mich zu den Partien nach Bukarest geschickt, sondern ich habe sie im Sinne der Leser darum gebeten. Vorrang für unsere Zeitung hatte die regionale Berichterstattung über Poli Temeswar und UTA Arad. Doch wo bekam ich damals schon Gelegenheit, berühmte ausländische Fußballer zu treffen. Reisen in den kapitalistischen Westen waren ein Ding der Unmöglichkeit. Meine Chefs gaben grünes Licht, also auf in die Hauptstadt.

Kaum war ich zwei Monate bei der NBZ als Sportredakteur angestellt, ging es mit dem legendären Temeswarer Sportfotografen Branko Vuin Anfang November 1984 nach Bukarest, wo ich anlässlich der Partie zwischen Dinamo und Girondins Bordeaux Dieter Müller interviewt habe, der etwas in der Bundesliga geschafft hat, was nicht mal seinem berühmten Namensvetter Gerd gelungen ist und bis heute Bestand hat: sechs Tore in einem Spiel! Anlässlich anderer Begegnungen folgten Interviews mit Thomas Berthold, Uli Stielike oder Preben Elkjær Larsen, die mit ihren Teams in der rumänischen Hauptstadt angetreten sind. Es war nicht immer leicht, an sie ranzukommen, da ausländische Mannschaften im Kommunismus isoliert und streng abgeschirmt wurden. Aber ich habe es immer wieder geschafft.
Wertvolle Tipps bekam ich von einigen Kollegen von Sportul, die wir bei unseren Dienstreisen jedes Mal in der Redaktion besuchten. Dort lernte ich die Top-Elite des rumänischen Sportjournalismus kennen: Ioan Chirilă, Eftimie Ionescu, Mircea Tudoran, Gheorghe Nertea sowie etwas später den bekannten Radioreporter Ion Ghițulescu und Geo Raețchi von Sportul während der Sitzungen des Vorstands der Rumänischen Sportpresse-Vereinigung, in deren Exekutivkomitee ich gewählt worden war (siehe Faksimile). Anfangs tagten wir in der Redaktion von Sportul, später im kommunistischen Tempel Casa Scânteii. Ohne jemals Parteimitglied gewesen zu sein, nahm ich daran teil. Was für verrückte Zeiten!
Am 2. Oktober 1985 waren Branko und ich im Ghencea-Stadion beim Spiel von Steaua in der 1. Runde des Europapokals der Landesmeister gegen die Dänen von Vejle BK. Damals spielten ausschließlich Landeschampions im Wettbewerb und nicht wie heute sogar Teams, die nur vierte oder fünfte Plätze in der internen Meisterschaft belegen. Ein Unding. Jetzt heißt der Pokal Champions League, aber es nehmen mehr Nichtchampions als richtige Champions teil. Reine Geldmacherei.

Bei Vejle kickte der Grund für unsere Reise: Allan Simonsen. Klein (1,68 Meter), fein, leicht (59 kg) - und wieselflink. Sieben Jahre bei Borussia Mönchengladbach, vier Jahre beim FC Barcelona, dreimal in Folge Deutscher Meister, zweimal Gewinner des UEFA-Cups, Sieger im Pokal der Pokalsieger. Und als absolute Krönung der Goldene Ball für den besten Fußballer Europas. Eine Granate! Wir unterhielten uns lange. Der „Kleine Däne“, so sein Spitzname, war ein angenehmer, sympathischer Gesprächspartner. Das Interview mit Widmung für die NBZ-Leser (siehe Faksimile) erschien in drei Folgen.
Darin erzählte er eine lustige Anekdote: „Bei Borussia hatte damals Blondschopf Günther Netzer das große Sagen. Bei meinem Kommen fragte er die Vereinsführung, ob sie jetzt einen Kindergarten aufmachen wolle. Angesichts meiner kleinen Statur sowie meiner Schuhgröße 39 war diese Frage irgendwie sogar berechtigt.“ Netzer hatte als Spieler Schuhgröße 47. Nach 1:1 im Hinspiel in Dänemark gewann Steaua 4:1 und zog in die 2. Runde ein. Einen Spielbericht für die NBZ habe ich nicht gemacht. Nur wenige dachten, dass der Armeeverein weit kommen würde. Zu ihnen gehörte ausgerechnet Simonsen. Er prophezeite: „Wenn Steaua nicht auf Barcelona, Bayern oder Juventus treffen wird, hat die Mannschaft alle Chancen, das Endspiel zu erreichen.“ De „Kleine Däne“ sollte Recht behalten.

Auch in den folgenden Spielen erwischte Steaua lösbare Aufgaben, schaltete Honvéd Budapest sowie Kuusysi Lahti aus und stand plötzlich im Halbfinale. Dort wartete RSC Anderlecht Brüssel. Branko und ich fuhren wieder nach Bukarest, denn bei den Belgiern spielte ein anderer Superstar: Morten Olsen. Er hatte 1983 mit Anderlecht den UEFA-Pokal gewonnen, ein Jahr später als Kapitän die dänische Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 1984 ins Halbfinale geführt - bis dahin der größte Erfolg seines Heimatlandes.
Olsen spricht wie Simonsen gut Deutsch und war wie sein Landsmann ein netter Interviewpartner, der für einen Profi ungewöhnliche Einblicke in sein Seelenleben gewährte, als er von seinem starken Heimweh sprach. Das Hinspiel hatte Anderlecht 1:0 gewonnen, verlor aber am 16. April 1986 in Bukarest sang- und klanglos 0:3. Von dieser Begegnung habe ich einen Spielbericht für die NBZ gemacht (siehe Faksimile), immerhin war es das Halbfinale. Olsen wechselte nach Saisonende zum 1. FC Köln, für den er 80 Bundesligaspiele bestritt, mit Trainer Christoph Daum Dritter und Zweiter wurde.
Das Endspiel zwischen Steaua und dem FC Barcelona fand am 7. Mai 1986 in Sevilla vor 70

.000 Zuschauern im Stadion Ramón Sánchez Pizjuán statt. Aus Rumänien waren etwa 1200 handverlesene Fans gekommen. Diese saßen in einem abgesperrten Block, streng bewacht, um jeglichen Kontakt zur Außenwelt oder Fluchtversuche zu verhindern. Das kommunistische Regime hatte seine Augen überall und traute niemand.

Angeführt vom genialen deutschen Spielmacher Bernd Schuster galt Barcelona als haushoher Favorit. Die Spanier spielten zuhause und waren hungrig nach Erfolg, nachdem sie die interne Meisterschaft und den Spanienpokal verloren hatten. 25 Jahre lang standen sie in keinem Endspiel um den Landesmeistercup. Elf Jahre spielten sie überhaupt nicht um den begehrtesten europäischen Vereinspokal. Aber Steaua ließ sich nicht beeindrucken und gewann als erste osteuropäische Mannschaft dank des banatschwäbischen Torhüters Helmut Duckadam, der im Elfmeterschießen innerhalb von neun Minuten vier Strafstöße parierte, den Henkelpott mit 2:0. Der Pokal wird so bezeichnet, weil er wegen seiner großen Seitengriffe an einen Kochtopf mit Henkeln erinnert.

Doch um ein Haar wäre es gar nicht zu diesem grandiosen Triumph gekommen. Der aus Semlak stammende Duckadam klärte auf: „Einige Monate vor dem Endspiel verspürte ich Lähmungserscheinungen im rechten Oberarm. Ich habe ihn ein paar Mal geschüttelt, und es ging wieder besser. Trotzdem ließ ich mich im Bukarester Militärspital untersuchen. Damals war die Medizin noch nicht so weit fortgeschritten wie heute. Die Ärzte sagten mir, ich hätte Rheuma. Keiner kam auf die Idee, dass es sich um ein Aneurysma handelt, wie man nach dem Finale feststellte.“ Also um eine Arterienerweiterung, auch arterielle Aussackung genannt.

Hätten sich die Ärzte nicht geirrt und das Aneurysma entdeckt, wäre Duckadams Karriere vor dem Endspiel abrupt zu Ende gewesen. Denn: Reißt ein Aneurysma ein, kann eine lebensgefährliche innere Blutung entstehen. Dazu genügte ein Zusammenprall mit einem Spieler oder dem Torpfosten. Ducki hätte nicht spielen und keine vier Elfmeter halten können. Erst die falsche Diagnose ermöglichte den Einsatz, seine Heldentat und den Eintrag ins berühmte Guinnessbuch der Rekorde. So gesehen war Steauas Sieg ein Irrtum!
Ich möchte nicht näher auf Duckadams Glanztat eingehen, da ich sie ausführlich im Beitrag „Ein Jahr seit seinem Tod! Meine Erinnerungen an Helmut Duckadam, den Elfmetertöter von Sevilla“ vom 1. Dezember des vergangenen Jahres gewürdigt habe.

Das Finale wurde live im rumänischen Staatsfernsehen übertragen. Doch die Entscheidung dafür fiel erst am Spieltag, weil Valentin bei seiner Mutter Elena Ceaușescu interveniert hatte – ein Umstand, der verdeutlicht, wie tief der Sport damals mit den kommunistischen Machtstrukturen verwebt war. Die TV-Verantwortlichen hofften, dass das Programmschema nicht durcheinandergewirbelt und die Partie nach 90 Minuten vorbei sein wird. Damals durfte wegen Energieknappheit nur zwei Stunden pro Tag gesendet werden, meistens von 20 bis 22 Uhr. Doch Steaua machte den Bonzen einen Strich durch die Rechnung. Das Spiel ging in die Verlängerung gefolgt von einem Elfmeterschießen. So musste bis nach Mitternacht übertragen werden. Steaua spielte zum ersten Mal ungewohnt ganz in Weiß. Weil Barcelona die gleichen Farben Blau und Rot wie die Bukarester hatte, aber Heimrecht, durften die Katalanen sie benutzen. Die weiße Spielausrüstung kam auf den allerletzten Drücker von Adidas aus Frankreich.

Vermisst an den Bildschirmen wurde die Stimme des damals beliebtesten rumänischen Fernsehkommentators Cristian Țopescu, der von Teoharie Coca Cosma ersetzt wurde. Er hatte vom Klang her eine ähnliche Stimme wie Țopescu. Als Steaua gewonnen hatte, jubelte Cosma euphorisch: „Apără Duckadam! Suntem finalişti! Am câştigat Cupa! Cupa Campionilor Europeni e la Bucureşti!” („Duckadam hält! Wir sind Finalisten! Wir haben den Pokal gewonnen! Der Europapokal der Landesmeister ist in Bukarest!“) Viele Fernsehzuschauer glaubten, dass Țopescu kommentiert.

Aber was war mit der „goldenen Stimme des rumänischen Sports“ passiert, wie er bezeichnet wurde? Drei Jahre vorher siegte Rumänien am 9. Juni 1983 mit 1:0 in Schweden und qualifizierte sich nach zwei weiteren Spielen fürs Endturnier der Europameisterschaft 1984 in Frankreich. Trainer Mircea Lucescu hatte den Spielern für den Fall der Qualifikation versprochen, sich für ihren Wechsel zu Vereinen im Westen einzusetzen. Die Weichen für die Zustimmung der kommunistischen Behörden sollte Țopescu im Fernsehen stellen. Deshalb plädierte er an jenem Donnerstag während der Übertragung aus Stockholm am Mikrofon für die Möglichkeit, die besten rumänischen Spieler zu Klubs ins Ausland ziehen zu lassen, wovon der gesamte rumänische Fußball profitieren würde. Lucescu hatte ihn darum mit der Begründung gebeten, es würde ihm schon nichts passieren, weil er viel zu populär im Land sei. Ein gewaltiger Irrtum.

„Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören möchten“, meinte der englische Schriftsteller George Orwell. So machte es Țopescu, doch seine Freiheit war begrenzt. Premierminister Constantin Dăscălescu hörte, was der Reporter im Fernsehen sagte und rief sofort in Kabinett zwei bei Elena Ceauşescu an: „Țopescu hat die rumänische Jugend aufgewiegelt, ins Ausland zu fliehen.“ Die Frau des Diktators schrie hysterisch: „Schmeißt ihn raus.“ Und so kam es. Für sechs Jahre hatte Cristian Țopescu Redeverbot im Fernsehen und musste seinen Reisepass abgeben. Deshalb konnte er das Endspiel in Sevilla nicht kommentieren. „Ich habe es zuhause im Fernsehen gesehen“, so Țopescu, der damals in der Pressestelle von Steaua arbeitete. Aus Rumänien durften nur wenige Reporter zum Finale reisen: Außer dem erwähnten Fernsehreporter waren es Radiokommentator Dan Voicilă, Ioan Chirilă, Mircea M. Ionescu und Gheorghe Nicolaescu (alle Sportul), Dan Pătrașcu (Informația), Ovidiu Ioanițoaia (Flacăra) sowie Corneliu Vadim Tudor (Săptămîna).

Wie der Zufall es wollte, fiel der Tag des Finales am 7. Mai fast zeitgleich mit dem 65. Jahrestag der Rumänischen Kommunistischen Partei am nächsten Tag zusammen, was die Berichterstattung wesentlich erschwerte. Denn die Partei stand über allem. Dem musste sich auch Sportul beugen, die sonst mit vier Seiten und einer Auflage von 300.000 Exemplaren erschien. Am 8. Mai 1986 wurden wegen des kommunistischen Jahrestags Umfang und Auflage verdoppelt.
Normalerweise hätte Sportul den Sensationssieg Steauas in großen Lettern auf Seite 1 verkünden müssen. Pustekuchen. Die erste Seite war voll mit kommunistischer Propaganda: Oden sowie Jubelarien auf Diktator Nicolae Ceaușescu und die allmächtige Partei. Ganz unten wurde lediglich Platz für vier Zeilen über Steauas Riesenerfolg gefunden mit dem Hinweis, dass die Berichterstattung auf Seite 5 beginnt (siehe Faksimile). Die ersten vier Seiten trieften von Propaganda. Ein Unding, absurd und grotesk, aber damals völlig normal in Rumänien.

Neben Duckadam, der mit den gehaltenen Elfmetern einen Rekord aufstellte, tat dies noch ein anderer Mitspieler. Anghel Iordănescu war der erste Assistenztrainer, der gleichzeitig in einem Europapokalfinale gekickt hat. Somit gab es zwei Rekorde und mehrere Siegprämien für die Pokalhelden. Von Real Madrid erhielt jeder Spieler vor dem Finale 500 Dollar als Ansporn, um den großen Rivalen der Madrilenen zu schlagen. Von Steaua bekamen die Fußballer je nach Einsatzzeiten zwischen 20.000 und 30.000 Lei sowie einen gebrauchten ARO-Geländewagen. Die meisten haben ihn verkauft, Duckadam bekam 130.000 Lei für seinen, Torschütze Gabi Balint fast das doppelte. Für Stürmer Victor Pițurcă gab es ein Sahnehäubchen obendrauf. Er ist am 8. Mai geboren. Durch den Zeitunterschied von einer Stunde zwischen Rumänien und Spanien war er bei Spielschluss in seinem Heimatland ein Jahr älter und der Pokalsieg sein schönstes Geburtstagsgeschenk, das er zeitlebens nicht vergessen wird.
Cristian Țopescu hat es dann doch noch mit Steauas Pokalgewinn zu tun bekommen. Davon erzählte er später: „In der folgenden Nacht sollte die Mannschaft mit dem Flugzeug nach Bukarest zurückkehren, und ich wurde zum Flughafen Otopeni gerufen. Ich hatte damals den Rang eines Obersts. ‚Genosse Oberst, kommen Sie bitte zum Flughafen und sagen Sie den Fans, sie sollen ihn nicht stürmen und keine Sachbeschädigungen anrichten, sprechen Sie mit ihnen, damit sie draußen ruhig bleiben!‘ Und tatsächlich kamen etwa 30.000 Menschen zu Fuß bis nach Otopeni, und ich unterhielt mich von einem Balkon aus mit ihnen, bis das Flugzeug mit der Mannschaft landen sollte. Jedes Mal, wenn ein Flieger über uns hinwegflog, fingen sie an zu jubeln: ‚Hurraaaa, hurraaaa!‘ Endlich kamen die Spieler an. Sie erschienen auch auf dem Balkon, auf dem ich stand. Ich erinnere mich, dass sie sehr schöne beige Mäntel trugen, und Balint und Belodedici zogen in der Begeisterung der Fans ihre Mäntel aus und warfen sie ihnen zu, die sie in Stücke rissen, um sie als Andenken zu behalten. In dieser Euphorie, dank einer gewissen Beliebtheit, die ich bei den Steaua--Anhängern genoss, beruhigte ich sie, damit sie nicht den Flughafen stürmten, und so endete die Episode am 8. Mai 1986, denn inzwischen war es schon nach Mitternacht.“
Damals strömten die Menschen in Rumänien erstmals nach einem Fußballspiel auf die Straßen. Im Banat war das schon viel früher der Fall, als die Schwaben in den 70er- und 80er-Jahren Siege der bundesdeutschen Fußballnationalmannschaft mit Gesang und Blasmusik in den Dörfern feierten. Aber das ist eine eigene Geschichte wert. Țopescu durfte erst nach dem Umsturz wieder im Fernsehen kommentieren. Sein erster Einsatz nach der Sperre war bei der Fußball-WM 1990 in Italien.
Einer der berühmtesten Fußballer des Endspiels war Bernd Schuster, der sechs Jahre vorher Europameister mit Deutschland wurde. Es war das einzige Finale um den Europapokal der Landemeister in seiner glanzvollen Karriere, die mit Titeln gepflastert war. Aber dieser Pokal fehlt in seiner Sammlung. Als er kurz vor Schluss ausgewechselt wurde, kam es zu einer Kurzschlussreaktion des „Blonden Engels“, wie Schuster bezeichnet wurde.
Ich wollte ihn nach 40 Jahren im Rückblick auf dieses denkwürdige Spiel befragen. Doch statt eines Interviews bekam ich eine Exklusivmeldung. Über einen Kollegen der BILD-Zeitung ließ er mir ausrichten: „Herr Schuster bittet Sie um Verständnis dafür, dass er sich zu diesem Thema nicht äußern möchte. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass ihm die Erinnerung an dieses Spiel keine Freude bereitet.“
Verständlich wenn man die Hintergründe kennt. Der englische Trainer von Barcelona Terry Venables wechselte Schuster in der 85. Minute mit der Begründung aus, er habe auf dem Platz einen Schwächeanfall gehabt und gespielt, als stünde er auf Krücken. Bernd widersprach und sagte, er sei topfit gewesen. Was Steauas Trainer bestätigte. „Ich habe mir vor Freude die Hände gerieben. Denn der Deutsche war ihr gefährlichster Mann“, frohlockte Jenei. Nach dem Duschen nahm der aufgebrachte Schuster ein vor dem Stadion haltendes Taxi, das ihn zum Hotel Lebreros brachte, wo Barça während des Finales wohnte. „Verdammt, Schuster, warum bist du nicht auf dem Platz?“, fragte ihn der verdutzte Fahrer. Unterwegs hörten sie im Radio, dass Barcelona das Elfmeterschießen dank des herausragenden Schlussmanns Duckadam verloren hat.
Zur Strafe für sein unsportliches Verhalten sperrte Venables den Deutschen für ein Jahr. Er trainierte, durfte aber in der Saison 1986/87 nicht spielen. Schuster redete kein Wort mit Venables, sondern mit dessen Dolmetscher und Assistent Graham Turner. Im Herbst 1987 konnte er endlich wieder spielen, als Trainer Venables nach drei Niederlagen in vier Partien gefeuert und durch Luis Aragonés ersetzt wurde.
Schuster wollte Anfang 1988 bei Juventus Turin unterschreiben, doch weil es in Turin keine deutsche Schule für seine Kinder gab, dafür eine in Madrid, wechselte er zu Real, wo er das Zweifache im Vergleich zu Barcelona verdiente. Bei Barça hatte Schuster zwei Jahre lang zusammen mit dem argentinischen Weltklassefußballer Diego Maradona gespielt, mit dem er gut befreundet war und der über ihn sagte: „Er ist genauso verrückt wie ich.“

Bernd Schuster hat als einziger ausländischer Fußballer bei allen drei großen spanischen Vereinen gespielt: Real, Barcelona und Atlético Madrid. Real hat er auch trainiert und gewann mit den Königlichen die Meisterschaftsowie den spanischen Superpokal.
Seit sieben Jahren arbeitet er nicht mehr als Trainer. Schuster lebt mit seiner zweiten Frau in Madrid und hat zwei Kinder. Sein großes Hobby ist das Golfspielen. Vom 4. bis 6. Juni wird er das Benefizturnier „Schuster & Friends“ auf dem Golfplatz Santa Clara in Marbella mit 150 Gästen sowie 80 Spielern organisieren.
Sechs Tage nach der Rückkehr aus Sevilla fand am Sitz des Staatsrates eine Zeremonie mit Nicolae Ceaușescu statt. Er verlieh Steaua per Präsidialdekret den Orden „Stern der Sozialistischen Republik Rumänien, I. Klasse“. Bevor der Titel „Held der Sozialistischen Republik Rumänien" 1971 eingeführt wurde, war dies der ranghöchste allgemeine Verdienstorden, unterteilt in fünf Klassen. Er wurde sowohl an rumänische Staatsbürger als auch an ausländische Staatsoberhäupter verliehen, um diplomatische Beziehungen und besondere Verdienste zu würdigen.

Ceaușescu hielt eine Rede, die wie folgt begann: „Ich möchte allen, die in Sevilla gespielt haben, sowie allen, die zur Organisation und Vorbereitung der Mannschaft beigetragen haben, meine herzlichsten Glückwünsche zu diesem großartigen Sieg aussprechen, den Ihr mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister errungen habt.“ (Langanhaltender Applaus). Der Staatspräsident beendete die Rede mit: „Ich wünsche dem rumänischen Sport weitere Erfolge in allen Bereichen. Viel Gesundheit und Glück, liebe Genossen.“ (Langer, kräftiger Applaus).
Außer der offiziellen Rede sprach Ceaușescu nur wenig und erntete mit seiner Aussage, dass Steaua bereits vor dem Elfmeterschießen hätte gewinnen müssen, ein (unsichtbares und ungläubiges) Kopfschütteln der Anwesenden.
Anschließend stieß er mit ihnen auf den großen Triumph an – ein Erfolg, den das kommunistische Regime wie auch die anderen sportlichen Errungenschaften für seine Zwecke propagandistisch instrumentalisierte.
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Unter Banater Landsleuten: Miodrag Belodedici im Gespräch über Idole und die Nacht von Sevilla
Einer, der die Magie von Sevilla wie kaum ein anderer verkörperte, ist mein Banater Landsmann Miodrag Belodedici. Der „Edel-Libero“ aus dem Dorf Sokol war der Ruhepol in einer Zeit, die alles andere als ruhig war. Von Landsmann zu Landsmann sprachen wir über die Nacht der Nächte.
Miodrag, während das Stadion in Sevilla ein Hexenkessel war, wirkten Sie auf dem Platz wie bei einem Sonntagsspaziergang. Hatten Sie in dieser Nacht wirklich keine Nerven, oder haben Sie diese nur gut versteckt?
„Mein Herz schlug wie wild, der Puls raste, oh je! Doch ich konnte die Emotionen gut verstecken, weil wir Menschen um uns hatten, die uns gelehrt haben, wie wir uns beherrschen müssen – selbst wie wir zu atmen haben.“

Wie fühlen Sie sich heute, 40 Jahre später, wenn Sie an den 7. Mai 1986 denken?
„Ich fühle mich sehr gut und bin stolz, dass wir etwas Unglaubliches und Außergewöhnliches geleistet haben. Damals hatten wir Idole, denen wir nachgeeifert haben. Heute sieht man solche Stars nur noch im Fernsehen, wie Kylian Mbappé. Wir selbst sind darüber fast ein bisschen in Vergessenheit geraten.“
Hand aufs Herz: Haben Sie beim Elfmeterschießen wirklich geglaubt, dass Helmut Duckadam alle vier Strafstöße halten würde?
„Ja, denn im Training hielt er fast jeden Ball! Wir Spieler haben viel Geld bei Wetten gegen ihn verloren. Er ganz allein hat dieses Finale gewonnen. Helmut war ein Berg von einem Mann, der das Tor schon mit seiner beeindruckenden Statur förmlich ausgefüllt hat.“
War Euch in jenem Moment klar, dass Ihr gerade Sportgeschichte schreibt, die auch nach Jahrzehnten die Menschen bewegen wird?
„Nein. Wir hatten keine Ahnung davon, konnten überhaupt nicht klar nachdenken. Wir waren ja auch nie allein – ständig wurden wir von zwei ‚Jungs‘ umgeben, die uns im Auftrag des Regimes auf Schritt und Tritt bewacht haben.“
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Und was ist aus den Steaua-Helden geworden?
Helmut Duckadam verstarb am 02.12.2024 mit 65 Jahren in Bukarest; Ştefan Iovan (65): Der Kapitän in Sevilla ist Chef des Nachwuchszentrums von Steaua; Adrian Bumbescu (66) ist technischer Berater des Trainerstabs von Steaua; Miodrag Belodedici (61) ) gehört der Technischen Kommission des Rumänischen Fußballverbandes an; Ilie Bărbulescu verstarb am 01.02.2020 mit 62 Jahren in Pitești; Lucian Bălan nahm sich am 12.11.2015 mit 56 Jahren in Baia Mare das Leben; László Bölöni (73) lebt als Rentner in Nizza; Mihail Majearu (65) lebt zurückgezogen in der Gemeinde Frumușani nahe Bukarest; Gabi Balint (63) ist Fernsehexperte bei Digi Sport; Marius Lăcătuş (62) ist Fernsehexperte bei Digi Sport; Victor Pițurcă (69) lebt als Rentner in Bukarest; Anghel Iordănescu (76) gehört der Technischen Kommission des Rumänischen Fußballverbandes an; Marin Radu (70), bekannt als Radu II, arbeitet als Juniorentrainer beim Zweitligaklub CS Mioveni; Trainer Emerich Jenei verstarb am 05.11.2025 mit 88 Jahren in Großwardein.
Viele von ihnen kehren am 7. Mai ins Steaua-Stadion zurück, um das 40-jährige Jubiläum zu feiern. Anlässlich des Zweitligaspiels gegen Sepsi Sfântu Gheorghe erwartet die Fans eine Lasershow zur Würdigung des Triumphs. Neben einer Auszeichnung der Spieler durch den Staatspräsidenten im Cotroceni-Palast ehrt auch die Rumänische Nationalbank den Erfolg mit einer Gedenkmedaille. Pünktlich zum Jubiläum erscheint die Neuauflage des Buches „Supersteaua – 1986“ von Andrei Vochin. Vor 26 Jahren erhielt ich die Erstausgabe als Geschenk von meinen Kollegen der Gazeta Sporturilor.
Aber warum spielt Steaua in der 2. Liga? Eine komplizierte Geschichte. 2003 spaltete sich eine Mannschaft vom Verein ab. Die ursprüngliche Steaua verblieb beim Verteidigungsministerium. Das erhielt nach einem Gerichtsverfahren das Urheberrecht an Logo und Namen sowie der Erfolgsbilanz von 1947 bis 1998, also auch am Europapokalsieg 1986. Der Militärklub schrieb seine Fußballabteilung ab der Saison 2017/18 unter dem bisherigen Namen Steaua in der 4. Liga ein und stieg bis in die 2. Liga auf. Die abgespaltene Mannschaft heißt FCSB Bukarest und spielt in der 1. Liga. FCSB ist ein Akronym, das nichts bedeutet, also ein „leeres“ Akronym oder Pseudo-Akronym.
Eigentlich wären die Sensationssieger am 7. Mai nicht in Bukarest gewesen. Sie wollten in Sevilla feiern, wo das Finale stattgefunden hat: im Hotel Macarena wie damals wohnen, durch denselben Park in Stadionnähe spazieren wie vor dem Spiel, den Ort ihres größten Erfolgs besuchen, bevor die Arena ausgebaut wird. Doch es fanden sich keine Sponsoren für die dafür notwendige Summe von circa 50.000 Euro.

In seinem telefonisch aus Sevilla durchgegebenen Spielbericht schrieb Ioan Chirilă über Helmut Duckadam: „Der Torwart, der sich wie eine unüberwindbare Mauer vor den spanischen Schüssen aufstellte. Bravo Steaua, bravo Duckadam! Mit seinen Glanzparaden hat er den Pokalsieg festgemauert und für die Ewigkeit festgehalten.“ Bestimmt wird Ducki am 7. Mai im Himmel mit den anderen Großen wie Emerich Jenei, Ilie Bărbulescu, Lucian Bălan, Ioan Chirilă, Dan Voicilă, Cristian Țopescu, Gheorghe Nicolaescu sowie Teoharie Coca Cosma fachsimpeln und beim Blick auf die Erde feststellen, dass sie noch immer geliebt, verehrt und unvergessen sind. „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen“, meinte der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer. Denn: „Was wir für uns selbst tun, stirbt mit uns. Was wir für andere und die Welt tun, bleibt bestehen und ist unsterblich", so der Journalist Albert Pike.
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