top of page

105 Jahre Poli Temeswar: Titel, Tore, Tränen, Turbulenzen

vor 11 Stunden
18 Min. Lesezeit

Bürgermeister Fritz musste gehen, der Kultklub bleibt



Das Emblem des Zweitligisten Știința Poli Temeswar.
Das Emblem des Zweitligisten Știința Poli Temeswar.

Es gibt Fußballvereine, die sich über ihr Kürzel definieren. Manchmal ist es ein langer Weg, bis drei oder vier Buchstaben zu einer Marke werden. Die Kürzel transportieren Historie und Identifikationsnähe. Bei BVB, FCB, VfB, HSV, Inter, PSV, Juve, Barça, AEK oder PAOK weiß jeder Fußballinteressierte, um wen es sich handelt. Manchmal verraten die Kürzel die Herkunft der Vereine wie bei UTA (Uzina Textilă Arad), CFR (Căile Ferate Române), Uni (Universitatea) oder Poli (Politehnica).

Von Poli gibt es deren zwei in Rumänien, eine in Temeswar und eine in Jassy. Wobei jene aus der Banater Hauptstadt bekannter ist. Das liegt an Tradition, Erfolgen und Historie. Was Letztere betrifft, streitet sich die Stadt an der Bega mit Arad, der Stadt an der Marosch, wo das erste Fußballspiel auf dem Territorium des heutigen Rumäniens stattgefunden hat. Geklärt ist der Disput nicht. Gemessen an den Erfolgen hat Temeswar der Nachbarstadt Arad den Rang abgelaufen: Den zehn Meisterschaften von Chinezul (6) und Ripensia (4) stehen sechs Titel von UTA Arad gegenüber. Ripensia war der erste Profiklub in Rumänien.


Josef Leretter spielte zehn Jahre für Poli und anschließend sechs Jahre für UTA.
Josef Leretter spielte zehn Jahre für Poli und anschließend sechs Jahre für UTA.

1920 fand die Gründung der Polytechnischen Universität Temeswar per Erlass durch König Ferdinand I. von Rumänien statt, mit Traian Lalescu als erstem Rektor. Der Mathematiker hatte eine Vorliebe für den Sport und hob am 4. Dezember 1921 den Verein Societatea Sportivă Politehnica (Sportverein Politehnica) aus der Taufe. 1936 war Poli Gründungsmitglied der Fußball-C-Liga und stieg nach vier Jahren in die B-Klasse auf. Wegen des Zweiten Weltkriegs musste der Spielbetrieb im Juli 1941 eingestellt werden. Er wurde im August 1946 wieder aufgenommen, und Poli belegte in der B-Liga den 3. Platz. 1948 gelang den Studenten zum ersten Mal der Sprung in die A-Liga, als sie im Unterhaus Erster wurden und das Aufstiegsturnier gewannen.


Vor 46 Jahren gewannen die Violett-Weißen mit Trainer Ion V. Ionescu (ganz links) zum letzten Mal den Rumänienpokal. Foto: Druckeria
Vor 46 Jahren gewannen die Violett-Weißen mit Trainer Ion V. Ionescu (ganz links) zum letzten Mal den Rumänienpokal. Foto: Druckeria

Im November 1948 nahm der Verein den Namen Clubul Sportiv Universitar (Universitäts-Sportclub) und 1950 Știința (Wissenschaft) an. Doch nicht nur der Name wurde mehrmals gewechselt, sondern auch die Vereinsfarben. Zunächst waren sie Schwarz-Weiß, dann Blau-Weiß und zuletzt Violett-Weiß. Das sind sie seit 60 Jahren. Um Violett-Weiß ranken sich mehrere Legenden. Mal hieß es, sie stammten von der früheren Erfolgself Chinezul. Dann soll Poli in Wien auf die Farben von Austria aufmerksam geworden sein. Diese sind Violett-Weiß, weshalb die Austrianer „Veilchen" genannt werden. So wie UTA durch Vereinsgründer Franz von Neumann das Rot-Weiß von Arsenal London übernahm, soll Poli dies mit den Wiener Vereinsfarben getan haben.


Programmheft für das legendäre Heimspiel gegen Celtic Glasgow. Archiv: Erwin Wiener
Programmheft für das legendäre Heimspiel gegen Celtic Glasgow. Archiv: Erwin Wiener

Der häufige Wechsel des Klubnamens in den letzten Jahrzehnten war den fragwürdigen Regeln im rumänischen Fußball geschuldet, durch die eine Mannschaft den Ligaplatz einer anderen erkaufen konnte. Dadurch blieb so manches Team vom Abstieg verschont. Ein Unding, von dem auch Poli Temeswar mehrmals profitiert hat. Mal wurde die Lizenz von Dacia Pitești gekauft, um nicht aus der 2. Liga abzusteigen, dann von AEK Bukarest, um in der 1. Liga zu spielen, später vom AC Rekasch, um in der 2. Liga zu kicken. Trotzdem konnte Poli nicht immer den Abstieg verhindern. Fast wären die Temeswarer in der 4. Klasse gelandet. Doch zu ihrem Glück wurde der Spielbetrieb wegen der Coronapandemie eingestellt. 


Mein Interview mit Poli-Spieler Iosif Rotariu erschien am 14.01.1986 in der Neuen Banater Zeitung.
Mein Interview mit Poli-Spieler Iosif Rotariu erschien am 14.01.1986 in der Neuen Banater Zeitung.
Hausbesuch 1985: Für das Gespräch traf ich Iosif Rotariu (rechts), links sein Zwillingsbruder Ilie. Foto: Branko Vuin
Hausbesuch 1985: Für das Gespräch traf ich Iosif Rotariu (rechts), links sein Zwillingsbruder Ilie. Foto: Branko Vuin

Den ersten großen Erfolg erzielte die Studentenelf in der Saison 1957/58. Damals belegte Știința in der A-Liga punktgleich nach Petrolul Ploiești sowie CCA Bukarest den 3. Platz und gewann den Rumänienpokal mit 1:0 im Finale am 6. Juli 1958 in Bukarest gegen die Lokalelf Progresul. Für die Temeswarer spielten: Mircea Enăchescu, Ion Sbîrcea, Gheorghe Codreanu, Lucrețiu Florescu, Kapitän Petre Cojereanu, Cornel Tănase, Josef Leretter, Petre Cădariu, Ion Ciosescu, Raul Mazăre, Iuliu Boroș. Trainer war Dincă Schileriu. Das Siegtor erzielte Cădariu. Der Pokalgewinn war eine Sensation, denn kurz vorher hatten die Temeswarer gegen Progresul noch mit 0:7 in der Meisterschaft verloren.


Das vierte Interview von mir mit Trainer Ionescu wurde am 11.11.1987 in der NBZ veröffentlicht.
Das vierte Interview von mir mit Trainer Ionescu wurde am 11.11.1987 in der NBZ veröffentlicht.

Meine Presseakkreditierung für das historische UEFA-Cup-Hinspiel gegen Real.
Meine Presseakkreditierung für das historische UEFA-Cup-Hinspiel gegen Real.

Leretter war im Laufe der Zeit einer von mehreren Banater Schwaben bei Poli. Er wurde in Ferdinandsberg geboren, wechselte 1957 zu Știința, wo er zehn Jahre lang kickte, ehe es ihn zum Erzrivalen UTA Arad zog. Ich habe ihn persönlich gekannt, nach seiner Auswanderung in Auenheim bei Kehl besucht und über ihn in meinem Sportbuch geschrieben. Er erzählte mir viele interessante Geschichten aus seinem Fußballerleben, unter anderem, dass er nach seinem Wechsel nicht für Temeswar spielen konnte, weil er die Aufnahmeprüfung an der Hochschule nicht bestanden hatte. Damals durften ausschließlich Studenten auflaufen. Erst nach seinem erfolgreichen Zweitversuch im Herbst des gleichen Jahres konnte er bei Știința kicken. Für die Studenten bestritt er in der 1. und 2. Liga 238 Punktspiele, in denen er 93 Tore erzielte. Er war ein Gentleman des Fußballs vom Scheitel bis zur Sohle. Loli, so sein Spitzname, verstarb vor zwei Jahren mit 90 in Temeswar, wo er beerdigt wurde.

Der auf Schreibmaschine getippte Mannschaftsbogen für die Journalisten vor dem Duell mit Madrid.
Der auf Schreibmaschine getippte Mannschaftsbogen für die Journalisten vor dem Duell mit Madrid.

Außer ihm wirkten weitere Banater Schwaben für Poli, darunter zwei bekannte als Trainer: die Temeswarer Rudolf Bürger und Nikolaus Reuter. Bürger war mit Ripensia viermal Landesmeister und nahm an zwei Weltmeisterschaften teil (1930,1938). Von 1942 bis 1946 trainierte er die Studenten, als die Meisterschaft wegen des Kriegs unterbrochen war. Reuter spielte ebenfalls in der Nationalmannschaft, holte mit CFR Temeswar den Rumäniencup und coachte Poli zwischen 1960 und 1965. Peter Lehmann stieg 1984 mit den Violett-Weißen in die A-Liga auf. Er spielte in Abwehr und Mittelfeld. 

Von 1948 bis 1978 erlebte Poli ein ständiges Rauf und Runter: In diesen drei Jahrzehnten ging es fünfmal rauf in die 1. Liga und viermal runter in die Divizia B. Solche Fahrstuhlmannschaften wurden in Rumänien spöttisch ‚ABBA‘ genannt. Das hatte nichts mit der schwedischen Popgruppe zu tun, sondern mit dem Pendeln zwischen den Spielklassen: Aus der A- in die B-Liga und wieder zurück aus der B- in die A-Liga: A, B, B, A.

Erinnerung an ein großes Spiel: Das Foto der violett-weißen Startelf gegen Real Madrid sah ich Jahre später im Kabinentrakt des großen Stadions hängen.
Erinnerung an ein großes Spiel: Das Foto der violett-weißen Startelf gegen Real Madrid sah ich Jahre später im Kabinentrakt des großen Stadions hängen.

In der Hinrunde der Spielzeit 1969/70 trug der Klub den Namen Ripensia, in Anlehnung an die berühmte historische Mannschaft. Die lokalen kommunistischen Behörden wollten aus zwei mittelmäßigen Teams, Poli und CFR, eine starke Truppe formen. Ihre Wahl fiel auf Poli, und CFR musste die besten Spieler an den Lokalrivalen abgeben. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt: Nicht die verstärkte Poli stieg auf, sondern die geschwächte CFR, trainiert vom Banater Schwaben Peter Becker. Fortan wurde vom Temeswarer Fußballwunder gesprochen. Poli wurde mit drei Punkten Rückstand Vierter, musste noch drei Jahre warten und schaffte 1973 mit Trainer Ion V. Ionescu die Rückkehr ins Oberhaus. Von 1945 bis 1954 spielte er bei den Temeswarern, ehe er später mehrmals als Coach zu ihnen zurückkehrte. Die Fußballwelt kannte ihn unter dem Spitznamen Jackie. Er erreichte 1974 mit Poli das Endspiel um den Rumäniencup, das gegen Jiul Petroșani verloren wurde.

Durch Temeswar fahren viele Straßenbahnen in den Farben von Poli.
Durch Temeswar fahren viele Straßenbahnen in den Farben von Poli.

1977 kam ein anderer renommierter Trainer nach Temeswar. Sieben Jahre vorher hatte Angelo Niculescu mit der rumänischen Nationalmannschaft das Endturnier um die Weltmeisterschaft in Mexiko erreicht. Mit ihm belegte Poli in der Saison 1977/78 den 3. Rang. Unter seiner Regie wurden die Temeswarer zu einer Heimmacht, blieben in allen 17 Begegnungen zuhause unbesiegt, gewannen 14-mal und spielten dreimal unentschieden. Sie wurden Dritter und nahmen zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte an einem Europapokalwettbewerb teil. Im UEFA-Cup trafen sie auf zwei ungarische Teams. Gegen MTK Budapest schafften sie den Sprung in die 2. Runde, wo Honved Budapest Endstation war. 

'Un singur club, un singur oraș' – Ein einziger Klub, eine einzige Stadt: Das für den Studentenverein reservierte Hotel Novera.
'Un singur club, un singur oraș' – Ein einziger Klub, eine einzige Stadt: Das für den Studentenverein reservierte Hotel Novera.

Der nächste Triumph folgte in der Spielzeit 1979/80. Poli wurde Zehnter in der A-Liga und gewann am 1. Juni 1980 zum zweiten Mal den Rumänienpokal, wieder in Bukarest, diesmal mit Jackie Ionescu als Trainer, gegen den haushohen Favoriten Steaua. Für Poli spielten: Radu Suciu, Dumitru Nadu, Kapitän Dan Păltinișanu, Gheorghe Șerbănoiu, Viorel Vișan, Adrian Manea, Emmerich Dembrovschi, Titi Nicolae (61. Vasile Nucă), Stelian Anghel, Leonida Nedelcu (90. Ion Octavian Roșca), Gheorghe Cotec. Die Tore schossen die Verteidiger Vișan und Păltinișanu. Was für eine tolle Mannschaft! Es sollten die einzigen Titel in der 105-jährigen Vereinsgeschichte von Poli bleiben. Leider sind beide Pokale in den Wirren nach dem Umsturz und bei den vielen Eigentümerwechseln verlorengegangen, aber nicht die Erinnerung an zwei grandiose Erfolge. Die Temeswarer bestritten weitere fünf Endspiele um den Rumänienpokal, die sie alle verloren.

Blick in die Zukunft: So präsentierte sich die Baustelle des neuen Lego-Stadions im vergangenen Juni.
Blick in die Zukunft: So präsentierte sich die Baustelle des neuen Lego-Stadions im vergangenen Juni.

Durch den zweiten Cupsieg hatte sich Poli für den Europapokal der Pokalsieger qualifiziert. Zum Auftakt wartete kein Geringerer als Celtic Glasgow, damals eine Macht im europäischen Vereinsfußball. Niemand gab den Studenten den Hauch einer Chance, aber sie nutzten diese. Das Hinspiel gewannen die Schotten mit 2:1. Im Rückspiel am 1. Oktober 1980 in Temeswar gelang dem baumlangen Păltinișanu das Siegtor zum 1:0, und Poli war dank des Auswärtstreffers in der 2. Runde. Die Sensation machte Furore in ganz Europa. Gegen West Ham United zogen die Violett-Weißen in der nächsten Runde den Kürzeren.

Der von Gras überwucherte Eingang des damals bereits gesperrten Păltinișanu-Stadions zwei Jahre vor seinem Abriss.
Der von Gras überwucherte Eingang des damals bereits gesperrten Păltinișanu-Stadions zwei Jahre vor seinem Abriss.

1981 verloren die Studenten das Finale um den Rumäniencup mit 0:6 gegen Uni Craiova, erreichten trotzdem den Cup der Cupsieger, weil Craiova als Meister für den Europapokal der Landesmeister qualifiziert war. Die Temeswarer schlugen in der Vorrunde Lokomotive Leipzig 2:0, verloren das Rückspiel mit 0:5 und schieden aus. 1983 stieg Poli nach zehn Jahren A-Liga ab. Trainer Ion Ionescu verließ den Verein, sollte aber bald zurückkehren. Denn sein Herz war an Poli vergeben.


So sah ich die Haupttribüne mit dem markanten Pressebereich in der großen Arena vor siebeneinhalb Jahren nach dem Zweitligaspiel Ripensia Temeswar gegen UTA Arad auf dem Weg zur Medienkonferenz.
So sah ich die Haupttribüne mit dem markanten Pressebereich in der großen Arena vor siebeneinhalb Jahren nach dem Zweitligaspiel Ripensia Temeswar gegen UTA Arad auf dem Weg zur Medienkonferenz.

Nach einem Jahr bei Aurul Brad und zwei weiteren bei Corvinul Hunedoara landete Jackie 1986 wieder bei den Violett-Weißen. Die waren mit Trainer Robert Cosmoc gerade in die B-Liga abgestiegen. In dieser Zeit lernte ich Ion Ionescu kennen. 1984 hatte ich bei der Neuen Banater Zeitung (NBZ) in Temeswar als Sportredakteur begonnen. Wir waren als deutschsprachige Lokalzeitung für die Berichterstattung in den Kreisen Temesch, Arad sowie Karasch-Severin verantwortlich. Somit hatte ich mich um zwei Traditionsmannschaften zu kümmern: Poli und UTA. Da die Städte nicht weit voneinander entfernt sind, fiel es mir leicht, mal bei Poli und mal bei UTA dabei zu sein. Oft bin ich von Spielen der Studentenelf am Abend aus dem Stadion direkt in die Druckerei in der Arader Straße gefahren und habe dem Maschinensetzer den Spielbericht aus dem Stegreif diktiert, damit er rechtzeitig zu Redaktionsschluss fertig sein und am folgenden Tag erscheinen konnte.

Das ist vom 1963 eröffneten Stadion des 1. Mai übrig geblieben. Fotos: Helmut Heimann
Das ist vom 1963 eröffneten Stadion des 1. Mai übrig geblieben. Fotos: Helmut Heimann

Ionescu war ein Mann von großem intellektuellem und kulturellem Format, der nicht nur als Trainer tätig war, sondern fünf Fachbücher sowie viele Essays verfasste, als Universitätsprofessor wirkte und Kolumnen schrieb. Sein ehemaliger Schüler Vasile Nucă beschrieb ihn als „integre Persönlichkeit“ und „Fußballtheoretiker", der nichts dem Zufall überließ. Prägende Aspekte seiner Persönlichkeit waren Unabhängigkeit und Ehrlichkeit. Er ging in die Geschichte wegen seiner entschiedenen Weigerung ein, abgesprochene Spiele mit den hauptstädtischen Mannschaften Dinamo und Steaua zu akzeptieren. Stattdessen zog er es vor, ehrlich zu verlieren, um die sportliche Integrität nicht zu kompromittieren. Diese Haltung brachte ihm einhelligen Respekt ein.

Als Trainer war Jackie ein Visionär und gehörte zu den Ersten in Rumänien, die das System mit vier Mittelfeldspielern einführten. Als er erfuhr, dass Unirea Triebswetter mit Coach Willi Schreiber als erster Dorfklub in Rumänien in die B-Liga aufgestiegen war, wollte er das Erfolgsrezept des banatschwäbischen Kollegen kennenlernen. Schreiber hatte jahrelang Fachliteratur aus der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Ionescu gefielen die Trainingsmethoden. Aber niemand durfte wissen, dass im kommunistischen Rumänien nach kapitalistischen Lehren trainiert wurde. Obwohl er ein entschlossener und anspruchsvoller Mensch war, der die Umkleidekabine unter Kontrolle hatte, wurde er für seinen ausgeprägten Sinn für Humor und seinen analytischen Verstand geschätzt. Der bekannte Bukarester Sportjournalist Ioan Chirilă sagte über ihn: „Jackie konnte fernab von Poli nie richtig atmen. Er war wie ein Fisch und Temeswar sein Wasser“.

So wird die Dan-Pălinișanu-Arena nach dem Neubau aussehen.
So wird die Dan-Pălinișanu-Arena nach dem Neubau aussehen.

In seiner Zeit von 1986 bis 1988 bei den Violett-Weißen führte ich fünf Interviews mit ihm. Das erste erschien am 19. Dezember 1986 in der NBZ, vier Monate nachdem er zu Poli zurückgekehrt war. Eine Aussage daraus habe ich zur Überschrift gemacht: „Nur der Aufstieg kommt in Frage". Und Jackie hielt Wort: Durch einen 2:0-Sieg beim Erzrivalen UTA schafften die Studenten ein halbes Jahr später den Wiederaufstieg. Ich interviewte auch andere Poli-Trainer wie Robert Cosmoc, Ion Dumitru oder Costică Rădulescu. Dem gelang mit der Studentenelf 1990 ein Riesenerfolg, als er die spanische Traditionself Atletico Madrid aus dem UEFA-Pokal warf. Zu meinen weiteren Gesprächspartnern zählten der Ex-Fußballer Stelian Anghel als stellvertretender Vereinsvorsitzender sowie die Spieler Aurel Șunda, den ich vom Hatzfelder Lyzeum her kannte, Constantin Titi Varga, Șerban Nicolae Trăistaru sowie Iosif Rotariu, der zu den bekanntesten Poli-Kickern der letzten Jahrzehnte gehört.

Mein Wiedersehen mit Radiolegende Nicolae Secoșan (links) in der Nähe des Temeswarer Domplatzes. Foto: Florin Cărăbaș
Mein Wiedersehen mit Radiolegende Nicolae Secoșan (links) in der Nähe des Temeswarer Domplatzes. Foto: Florin Cărăbaș

Wir trafen uns 1985 bei ihm zu Hause in Temeswar. Damals war er in der traditionellen NBZ-Kicker-Kür von den Lesern zum besten Banater Fußballer des Jahres gewählt worden. Im Gespräch sagte er mir, dass dies das erste Interview seines Lebens sei: „Derartige Erfahrungen habe ich bisher noch nicht gemacht." Anwesend war sein Zwillingsbruder Ilie, der ebenfalls Fußball spielte. Roti, wie Iosif Rotariu genannt wird, kickte für mehrere Vereine u. a. Steaua Bukarest sowie Galatasaray Istanbul, bestritt 25 Länderspiele und trainierte später Poli. Während der Weltmeisterschaft 1990 in Italien absolvierte er alle vier Endrundenspiele mit der rumänischen Nationalmannschaft. Beim 1:1-Unentschieden gegen Titelverteidiger Argentinien nahm er Superstar Diego Maradona in Manndeckung, schaltete den damals besten Spieler der Welt aus und trug entscheidend zum Einzug Rumäniens ins Achtelfinale bei. Fünf Jahre nach seinem allerersten Interview war Roti auf einmal in aller Munde.

Volle Ränge und violett-weißer Fan-Support in der Electrica-Sportstätte bei den Heimspielen von Poli.
Volle Ränge und violett-weißer Fan-Support in der Electrica-Sportstätte bei den Heimspielen von Poli.

Nach meiner Auswanderung vor 36 Jahren und der Anstellung einige Monate später als Sportredakteur bei BILD verfolgte ich die Auftritte von Poli aus der Ferne. Bei meinem ersten Besuch in der alten Heimat trafen die Temeswarer im UEFA-Cup auf keinen Geringeren als Real Madrid, eine der weltbesten Mannschaften. Die Spanier hatten bis dahin sechsmal den Europapokal der Landesmeister und einmal den Weltcup gewonnen. Ich ließ mir die Gelegenheit nicht entgehen und akkreditierte mich fürs Hinspiel am 16. September 1992 im Stadion des 1. Mai. Überrascht hat mich nicht nur die relativ niedrige Zuschauerzahl (25.000), sondern auch das Ergebnis (1:1). Real ging durch Alfonso Pérez (15.) in Führung, Ovidiu Cuc (61.) glich aus. Trotz des Unentschiedens war es ein Achtungserfolg für Poli. Sie hatte dem übermächtigen Gegner Paroli geboten. Für die geringe Resonanz gab es mehrere Gründe: die teuren Eintrittskarten, die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in den nachrevolutionären Zeiten sowie die Übertragung des Spiels im rumänischen Staatsfernsehen. Es war die letzte Partie, in der ich Ion V. Ionescu als Trainer erlebte. 2024 schloss der legendäre Coach 88-jährig in Temeswar für immer die Augen.



Bis zur Fertigstellung der Lego-Arena werden die Studenten im Electrica-Stadion spielen, das sich unweit des Jagdwalds befindet. Fotos: Ottmar Schreiber
Bis zur Fertigstellung der Lego-Arena werden die Studenten im Electrica-Stadion spielen, das sich unweit des Jagdwalds befindet. Fotos: Ottmar Schreiber

Während der Halbzeitpause gegen Real besuchte ich Radioreporter Nicolae Secoșan in seiner Sprecherkabine. Wir kannten uns seit Jahren. Nicse, so sein Spitzname, abgeleitet von den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens, sagte mir: „Einmal den Rasengeruch im berühmten Santiago-Bernabéu-Stadion einzuatmen, wäre etwas ganz Besonderes." Sein Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Secoșan durfte mit einer Handvoll rumänischer Sportjournalisten zum Rückspiel nach Madrid. Doch im Gegensatz zu ihnen schaute er sich nicht die spanische Hauptstadt an, sondern bereitete sich im Hotel akribisch auf die Rundfunkübertragung am nächsten Tag vor. Der Beruf ging ihm über alles. Obwohl er Poli bedingungslos verbunden war, bewahrte er stets die notwendige Objektivität, um die Leistung der Gegner anzuerkennen, sowie den Mut, das Spiel seiner Lieblingsmannschaft kritisch zu analysieren, wenn es angebracht war. Trotz seiner enormen Beliebtheit, die er nicht nur im Banat, sondern im ganzen Land genoss, blieb er ein zurückhaltender, herzlicher und stets zugänglicher Mensch, ohne jegliche Anzeichen von Überheblichkeit. Genau so habe ich ihn kennen und schätzen gelernt.


Die aus Triebswetter stammenden Banater Schwaben Ottmar Schreiber und Berthold Bastien beim ersten Zweitligaspiel von Poli nach 1175 Tagen. Foto: privat
Die aus Triebswetter stammenden Banater Schwaben Ottmar Schreiber und Berthold Bastien beim ersten Zweitligaspiel von Poli nach 1175 Tagen. Foto: privat

Damals gegen die Spanier konnten wir noch nicht ahnen, dass wir uns fast 34 Jahre lang nicht sehen sollten. Erst unlängst war es wieder so weit. Wir trafen uns in einem Café in der Nähe des Temeswarer Domplatzes und plauderten über die gute alte Zeit. Kurz zuvor hatte Secoșan bei Radio Temeswar mein Liveinterview in der Sportsendung Arena mit Interesse verfolgt, wie er sagte. Er ist 81, Temeswarer Ehrenbürger und genießt den wohlverdienten Ruhestand. Sehr beliebt waren seine Übertragungen in der populären Fußballsendung Fotbal minut cu minut (Fußball Minute für Minute), die in ihren Glanzzeiten bis zu fünf Millionen Zuhörer hatte. Secoșan kommentierte in seiner Karriere sage und schreibe 1.113 Spiele. Eine grandiose Leistung! Bei seinem Abschied bekam er von Poli ein Trikot mit dieser Rückennummer geschenkt. Er ist eine lebende Legende, und die Anekdoten sprudelten nur so aus ihm heraus.

Auch in der Folgezeit ging es mit Poli weiterhin bergab und bergauf, teilweise bis in die 3. Liga. Während meiner seltenen Besuche in der alten Heimat nahm ich die Gelegenheit wahr, bei Spielen der Studentenmannschaft anwesend zu sein. 2006 trafen die Temeswarer an Karfreitag in der A-Liga auf Jiul Petroșani, trainiert vom langjährigen Poli-Spieler Aurel Șunda. Bei den Gastgebern saß der rumänische Jahrhundertfußballer Gheorge Hagi auf der Trainerbank. Nach der Partie sorgte ich ungewollt für Schmunzeln. Als Șunda zur Pressekonferenz kam und in die Runde schaute, fragte er: „Bist du aus Deutschland gekommen, um mich zu sehen?" Die Anwesenden lachten.

Drei Jahre später wurde Poli Vizemeister, schaltete in der Champions League den von Mircea Lucescu trainierten amtierenden UEFA-Pokalsieger Schachtar Donezk aus und traf in den Playoffs auf den VfB Stuttgart. Beim Hinspiel in Temeswar war Kaiser Franz Beckenbauer als Experte für den übertragenden Fernsehsender Sat.1 zum einzigen Mal im Banat. 2011 wurden die Studenten erneut rumänischer Vize. Es sollte ihre letzte Top-Platzierung bleiben.

Am 12. Juni 2017 saß ich wieder im großen Temeswarer Stadion, als die Violett-Weißen in der Relegation zur 1. Liga auf UTA trafen. 2018 folgte der Abstieg von Poli aus der 1. Liga und zwei Jahre später in die 3. Liga. 2021 gab es das endgültige Aus, als der Verein wegen gravierender Finanzprobleme nicht mehr antreten konnte und durch den Rumänischen Fußball-Verband vom Spielbetrieb ausgeschlossen wurde. Doch Poli war da längst noch nicht von der Fußballbühne verschwunden. Bereits 2012 hatte der Fanverein Druckeria vorausschauend einen unabhängigen Klub namens ASU Politehnica Temeswar gegründet. In den traditionellen Vereinsfarben Violett-Weiß startete das Projekt in der 5. Liga und stieg kontinuierlich auf. 2021 wurde der Profibereich in eine eigene Trägergesellschaft ausgegliedert. Mit dem weiter bestehenden Großverein Politehnica und seinen Abteilungen – wie etwa dem Handball – hat der Fußballklub organisatorisch sowie finanziell nichts zu tun. Und trotzdem feiert der Verein heuer seinen 105. Geburtstag. Denn für die Anhänger in Temeswar ist die Identität nie an Paragrafen oder Lizenzen gescheitert...

Ebenfalls 2021 verpasste ASU Poli in der Relegation den Erstligaaufstieg. Und Trainer Dan Alexa verließ den Klub mit wütenden Worten: „An dieser Stelle möchte ich Alarm schlagen. Vielleicht rückt Bürgermeister Dominic Fritz durch meinen Weggang – denn ich habe gehört, dass ihn diese Äußerungen sehr gestört haben – näher an Poli heran. Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen erkennen, dass der Verein nicht nur im Wahlkampf interessant ist, sondern für alle Menschen in dieser Region. Ich wünsche mir sehr, eines Tages hierher zurückzukehren: Hier ist mein Zuhause! … Ich werde immer wieder zurückkommen. Ich wünsche mir, dass Poli wieder auf die Beine kommt und in die 1. Liga aufsteigt, denn das wäre wunderbar. Und das geht nicht nur mit ein paar Leuten. Es müssen sich mehr Menschen konkret engagieren, nicht nur mit Worten. Das ist ein großes Problem, ich hoffe, es lässt sich lösen."

Doch es kam noch schlimmer. 2023 folgte der Absturz in die 3. Liga. Und zum ersten Mal in der 124-jährigen traditionsreichen Fußballgeschichte der Stadt an der Bega hatte Temeswar keine Mannschaft in den ersten beiden Ligen. Poli führte in dieser Zeit ein Schattendasein. Alexa hatte recht mit seiner Kritik am bundesdeutschen Politiker Dominic Fritz, der am 27. September 2020 zum Bürgermeister von Temeswar gewählt worden war. „Poli hat ihn nicht interessiert", sagte mir Nicolae Secoșan. Fritz, der kühle Rechner, investierte lieber in die Infrastruktur, also Sportplätze, weil ihm der emotionale Prunk des Profifußballs lange Zeit suspekt und zu teuer war.

Aber dann tauchte ein mächtiger Gegenspieler auf der lokalen politischen Bühne auf: Alfred-Robert Simonis von den Sozialdemokraten (PSD) wurde am 4. November 2024 Vorsitzender des Kreisrats Temesch. Zuvor war der gebürtige Temeswarer Interimspräsident der Abgeordnetenkammer des rumänischen Parlaments. Er besuchte das Temeswarer Sportlyzeum Banatul, war Vizelandesmeister im Rudern sowie aktiver Leichtathlet und studierte in seiner Geburtsstadt Rechtswissenschaften. Auch Fritz machte Karriere und stieg zum Vorsitzenden der Reformpartei USR (Union Rettet Rumänien) auf.

Als sportliches Leuchtturmprojekt von Fritz gilt ein neues Stadion. Es heißt Eroii Timișoarei, die Helden Temeswars, in Anlehnung an die Märtyrer der Revolution von 1989. Im Volksmund wird es Lego-Stadion genannt, weil die Tribünen und die gesamte Grundstruktur aus vorgefertigten Metallelementen bestehen, die vor Ort auf ein Betonfundament gesetzt und modular zusammengefügt werden, ähnlich wie beim Bauen mit Lego-Steinen. Das ermöglicht einen schnelleren und kostengünstigeren Aufbau im Vergleich zu einem klassischen, massiven Stahlbetonstadion. Gebracht hat es bisher nicht viel, denn ursprünglich sollte die Arena auf dem Gelände der ehemaligen Optica-Fabrik in der Busiascher Straße mit 10.000 überdachten Sitzplätzen im vergangenen Sommer bezugsfertig sein. Jetzt ist von Ende dieses Jahres die Rede. Kosten wird das Stadion 23 Millionen Euro, die vorwiegend aus dem Lokalbudget stammen. 

Das sportliche Leuchtturmprojekt von Simonis ist Poli. Er hat den Sport und insbesondere das violett-weiße Erbe als sein Zugpferd erkannt, ebenso den Wert der Marke für Stadt und Landkreis. Simonis holte den Banater Dan Alexa als Trainer zurück, die Mannschaft wurde mit einer Mischung aus Routiniers und Jungtalenten verstärkt, bekam einen neuen Bus im Wert von 500.000 Euro. Sie wird bis 2028 in einem schmucken Viersternehotel wohnen, dessen 24 Zimmer komplett für den Kader reserviert wurden. Der offizielle Klubname lautet seit vergangenem Jahr Știința Poli Temeswar. Mit beachtlichen sieben Millionen Euro entspricht der Etat dem von UTA Arad in der 1. Liga.

Neues Stadion, viel Geld, umgekrempelte Mannschaft – aber was ist mit der großen Arena passiert, in der Poli ihre legendären Schlachten geschlagen hat? 1963 wurde das Stadion des 1. Mai eröffnet, 1995 nach Dan Păltinișanu umbenannt, der in zehn Jahren 271 Spiele für die Violett-Weißen bestritt und mit 43 Jahren verstarb. Im Laufe der Jahrzehnte verfiel die Sportstätte immer mehr, wurde für drei Jahre aus Sicherheitsgründen gesperrt und im Frühjahr 2025 schließlich abgerissen. Ich habe bei meinem jüngsten Besuch in Temeswar sowohl die Baustelle des künftigen Lego-Stadions als auch die leere Rasenfläche besucht, die nach dem Abriss des einst größten Stadions der Stadt übrig geblieben ist. Dort soll im Frühjahr 2027 der Bau einer neuen Arena beginnen – ausgelegt auf 32.000 Plätze, rund 140 Millionen Euro teuer und die zweitgrößte des Landes. „Es wird das schönste Stadion Rumäniens“, verspricht Simonis. Doch bis dahin fließt noch viel Wasser die Bega hinunter.

Zu Beginn der vergangenen Spielzeit in der 3. Liga vollzog Bürgermeister Fritz während seiner zweiten Amtsperiode eine unglaubwürdige Kehrtwende. Waren die Violett-Weißen bis dahin ein rotes Tuch, präsentierte er sich nun als ihr Unterstützer. Zuvor hatte er nicht erkennen wollen, dass Poli ein Stück Banater Identität ist, ein Symbol des Widerstands gegen Bukarest, das Väter an ihre Söhne weitervererben. Simonis schlug diese Flanke gekonnt wie im Fußball und benutzte die Violett-Weißen als Sprungbrett, während Fritz die bittere Erfahrung machen musste: Wer das größte Aushängeschild der Stadt links liegen lässt, überlässt seinem politischen Gegner die emotionale Bühne. Sein Umfaller war das späte Eingeständnis, dass er auf diesem Spielfeld ohne Poli auf verlorenem Posten steht. Doch die Anhänger haben sich von seinem Kuschelkurs nicht blenden lassen. „Es war blanker Opportunismus“, vernahm ich mehrfach aus der Fanszene.

Simonis dagegen inszenierte sich den Anhängern als Retter – und seine Rechnung ging auf. Nach drei Jahren Drittklassigkeit kehrte Poli vor knapp fünf Monaten in die 2. Liga zurück. Ein Erfolg auf ganzer Linie, sowohl für den Klub als auch für Simonis. Der widersprüchliche Schlingerkurs von Fritz war für die Fans der Beweis, dass er nur auf Druck der Opposition reagiert hatte. Ob sich der Bürgermeister je gefragt hat, wozu er eigentlich ein neues Stadion bauen lässt – ohne zu wissen, ob er überhaupt eine Mannschaft haben wird, die darin spielt, weil er sie nicht ausreichend unterstützt?

Wer glaubte, dass nach der Rückkehr von Poli ins Unterhaus alles Friede, Freude, Eierkuchen zwischen Fritz und Simonis sein würde, wurde eines Besseren belehrt. Einen Monat nach dem Aufstieg lieferten sich beide einen skurrilen Schlagabtausch, der offenlegte, wie tief die Gräben zwischen ihnen sind. Sie vermieden es, den Namen des anderen zu nennen. Aber alle wussten, wer gemeint war. Simonis sagte in einem Podcast, die Stadt sehe so vernachlässigt aus wie die Galoschen an den Füßen von USR-Politikern: schmutzig, staubig, mit unansehnlichem Straßenbelag. Fritz konterte, verwies auf seine Herkunft aus einer Großfamilie mit acht Kindern und betonte, er habe damals selbstverständlich auch Kleider älterer Geschwister getragen. Die Eltern hätten lieber in die Bildung ihres Nachwuchses investiert. Weil er keine Geduld für Einkäufe habe, benutze er ein Paar Schuhe, bis sie kaputt sind. Zugleich kritisierte er Funktionäre der PSD, die teure Schuhe zum Preis von mehreren Mindestlöhnen und prunkvolle Uhren zur Schau stellen. Dem Bürgermeister vergehe jedoch die Belustigung, wenn er daran denke, woher das Geld für diesen Reichtum komme. Rumänische Medien hatten über Maßschuhe von Simonis berichtet, die 1.000 Euro kosteten. Mitten in diesem giftigen Dauerfeuer um Stil und Status steht die Marke Poli Temeswar: ein 105 Jahre alter Mythos, den beide Lokalpolitiker für ihre Zwecke instrumentalisieren. Simonis bedient das klassische Bild des osteuropäischen Machtpolitikers, während sich Fritz als moralisch überlegener, bodenständiger Westeuropäer präsentiert.

Trainer Dan Alexa will die Violett-Weißen in die 1. Liga führen. Foto: Paul Sebo
Trainer Dan Alexa will die Violett-Weißen in die 1. Liga führen. Foto: Paul Sebo
Hoffnung und Tradition im Herzen der Begastadt: Temeswar fiebert der Rückkehr der Studentenelf in die höchste rumänische Liga entgegen. Foto: Helmut Heimann
Hoffnung und Tradition im Herzen der Begastadt: Temeswar fiebert der Rückkehr der Studentenelf in die höchste rumänische Liga entgegen. Foto: Helmut Heimann

Als Dan Alexa im Sommer 2025 erneut Trainer von Poli Temeswar wurde, sagte er: „Mein Ziel ist ganz einfach: In zwei Jahren soll die Mannschaft in der 1. Liga spielen." Geht dieser Plan auf, wäre das Studententeam 2027 nach neun Jahren wieder erstklassig und die längste Abwesenheit aus dem rumänischen Oberhaus seit 1948 Geschichte. Die Violett-Weißen erwischten mit sechs Siegen sowie zwei Unentschieden in den ersten acht Spielen einen Zweitligaauftakt nach Maß und belegen aktuell den 2. Platz. Halten sie diesen Kurs, dürfte sich Alexas Wunsch erfüllen. Erst recht, weil die Hälfte der Ligakonkurrenten in rein kommunaler Hand ist und deshalb laut Verbandsreglement kein Aufstiegsrecht besitzt.

Nicht gut lief es dagegen für Dominic Fritz. Im Rechtsstreit mit der Integritätsbehörde (ANI) nahm die Entwicklung eine fatale Wende für ihn. Der Oberste Gerichts- und Kassationshof bestätigte die Feststellung eines administrativen Interessenkonflikts. Fritz hatte sich im Wahlkampf Geld von einem Architekten geliehen und später als Bürgermeister einen Bebauungsplan für ein Immobilienprojekt unterzeichnet, das von dessen Firma entworfen worden war. In der Folge verlor der Rathauschef nach sechs Jahren sein Mandat und darf drei Jahre lang kein gewähltes öffentliches Amt ausüben.

Während in der Stadtverwaltung die politischen Wogen hochschlagen, zeigt sich einmal mehr die eigentliche Konstante der Stadt an der Bega: Poli Temeswar. Seit mehr als einem Jahrhundert übersteht der Kultklub politische Umbrüche, Krisen und Systemwechsel. Egal, wie heftig das Parkett im Bürgermeisteramt bebt, die sportliche sowie kulturelle Seele der Banater Hauptstadt bleibt bestehen. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Auf ein Neues, Poli!


Bis zum nächsten Klick auf meinen Blog…


Als neuer Beitrag folgt: Bundesligaspieler Bischof und Seimen im Fokus

bottom of page