Rendezvous mit der Vergangenheit: Auf Spurensuche in Großjetscha
- vor 54 Minuten
- 13 Min. Lesezeit
Wenn ein EU-Schild den Friedhofsanblick verschandelt

„Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts“, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe in Der Triumph der Empfindsamkeit. Diesmal befrage ich als Journalist keinen anderen, sondern mich selbst: Bin ich empfindsam, wenn ich nach den Spuren der Heimat suche, obwohl ich sie längst im Herzen trage? Ich antworte darauf eindeutig mit Ja. Denn ich spüre dieses tiefsitzende Bedürfnis nach meinen Wurzeln als unversiegbare Kraftquelle. Es ist der Wunsch, den greifbaren Raum meiner Kindheit wieder zu betreten, dort, wo innere und äußere Heimat für mich bis heute identisch sind: in meinem Geburtsort Großjetscha (Iecea Mare) im Zentrum des rumänischen Banats.
Gegründet wurde das Dorf, dessen Name vom Prädium Jecsa stammt, 1767 während des Zweiten Schwabenzugs unter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Um den nach den Türkenkriegen entvölkerten und verwüsteten Landstrich in Südosteuropa wieder urbar zu machen, holten die Habsburger deutsche Siedler in diese Region. Unter dem Begriff Banater Schwaben gingen sie in die Geschichte ein. Für sie galt damals die harte Losung: „Den ersten den Tod, den zweiten die Not, den dritten das Brot.“ Die meisten dieser Kolonisten kamen als Bauern und Handwerker aus Lothringen, Luxemburg, dem Rheinland, Baden, Württemberg sowie Hessen nach Großjetscha und gaben den Straßen die Namen ihrer Herkunftsorte sowie -regionen: Straßburgergasse, Trierergasse, Luxemburgergasse, Sauerländergasse oder Schwarzwäldergasse. Ein Dorfteil hieß sogar Österreich. Es entstand eine Mundart aus rheinfränkischen und moselfränkischen Elementen.

Meine Spurensuche ist ein Rendezvous mit der Vergangenheit. Das Herz hüpft vor Freude. Virgil bringt mich mit dem Wagen aus der Banater Hauptstadt Temeswar ins 33 Kilometer entfernte Großjetscha. Nach meinen Brüchen an Arm und Mittelhand in Barcelona bin ich auf dem Weg der Besserung, aber selbst Auto fahren ist noch nicht drin. Alles ist für eine Traumreise angerichtet, getragen von einem herrlichen Frühsommertag. Die Sonne schickt ihre lieblichen Strahlen als unsere ständigen Begleiter. Ich atme die würzige, frische Luft, welche durchs leicht geöffnete Fenster strömt, in vollen Zügen ein. Die Weite der Banater Heide streichelt meine Seele: sanft wiegende Getreidefelder, bunt blühende Blumen, klappernde Störche auf den Strommasten am Wegesrand, anmutig ihre Bahnen ziehende Schwalben, zarte Schäferwölkchen am strahlend blauen Himmel. Die Bilder meiner Kindheit tauchen unvermittelt auf. So war es damals, als ich mich als kleiner Junge unsterblich in jene Landschaft verliebt habe. Es sollte eine Verbundenheit fürs ganze Leben werden. Diese vertraute Atmosphäre fing ich als Fünftklässler in einem Gedicht ein, das meine Zuneigung ausdrückt (siehe Faksimile).

Der Kirchturm winkt von weitem. Ich kann nicht schnell genug ankommen, schließe die Augen, und schon schwebe ich im Geiste aus dem Wagen, hoch über der Landschaft. Von oben wirkt sie noch faszinierender. Wir stoppen am altehrwürdigen Wegkreuz an der Dorfeinfahrt. Es hat schon viele kommen und gehen sehen: Jetzt bin ich da!
Nach dem traditionellen Foto am Ortsschild geht es zum Park. Die Erinnerungen übermannen mich: Ich erblicke die farbenfrohe Blumenpracht, die wir als Schüler bewunderten, höre die Blasmusik an Festen neben der Hütte in der Parkmitte spielen, wo es Würste und Bier gab. Erkenne die 120 Jahre alte Mühle, sitze neben Vater auf dem Pferdewagen, während wir mit den Getreidesäcken zum Mahlen fahren. Höre die Maschinen rattern und knattern, rieche diesen unvergleichlichen, köstlichen Duft des frisch gemahlenen Mehls. Er war erdig, kernig, leicht nussig, dezent süßlich und verströmte eine warme Geborgenheit. Das vorbeifahrende Auto holt mich brüsk aus meinem Tagtraum.

Der Park ist noch da, aber die Blumen, die Hütte sowie die Musikanten sind weg. Und mit ihnen eine seit 1850 gewachsene Blasmusiktradition: Einst spielten bis zu drei Kapellen im Dorf. Die Mühle steht schon seit Jahrzehnten still. Damals kamen die Menschen aus der ganzen Umgebung mit dem Getreide hierher. Alles ist im Fluss, und die Zeit bleibt für niemanden stehen. Vor dem Park findet gerade der Wochenmarkt statt, den gab es früher hier nicht. Gleich in Sichtweite kündet eine vor zwei Jahren gebaute Sporthalle mit 180 Plätzen vom Wandel der Zeit. Dazu gehört auch der sonntags an anderer Stelle abgehaltene Pferdemarkt, zu dem Interessenten selbst aus Ungarn kommen.

An unserer ehemaligen Straße steigen wir aus. Es wird kein leichter Weg zu meinem Elternhaus werden, doch die Sehnsucht zieht mich unweigerlich hin. Angekommen, fällt mir sofort eine schmerzhafte Veränderung auf: Meine geliebte Linde ist weg, musste einem Anbau aus unverputzten roten Ziegelsteinen weichen. Sie stand nicht wie im bekannten Lied vor meinem Vaterhaus, sondern vorne im Hof. Und mit ihr ist der süße Honigduft fort, der damals die ganze Umgebung erfüllte. Ebenso das unüberhörbare, beruhigende Summen der Bienen, der wohltuende, kühle Schatten, den wir in den heißen Sommern unter ihrem dichten Blätterdach so sehr genossen haben. Was hilft es mir, dass im Ort 1.000 neue Linden gepflanzt wurden? Ausgerechnet meine wurde gefällt, und mit ihr eine tief verwurzelte Erinnerung.

Sie ist es, die ich auf meinem nostalgischen Streifzug durch die einstige banatschwäbische Gemeinde mitnehme, in der 1890 insgesamt 3.329 Deutsche lebten: 97,03 % der Einwohner. Den Rest bildeten 20 Madjaren, 30 Rumänen und 52 andere, darunter viele Roma. Laut dem unvergessenen, langjährigen Pfarrer Franz Funk waren die Deutschen bei der Volkszählung 1948 mit 1.568 Personen bereits in der Minderheit. „In den letzten fünf bis sechs Jahren galt Großjetscha als Dorf, das noch die zahlenmäßig stärkste deutsche Gemeinschaft hatte. Fast 700 Deutsche gab es hier im Dezember 1989. Jetzt sind noch etwa hundert im Ort“, schrieb meine frühere Bürokollegin Grete Lambert am 30. Oktober 1991 in der Artikelserie Durch die deutschen Heidedörfer des Banats für die Temeswarer Neue Banater Zeitung. Jahrzehntelang prägten Weltkriege, Deportationen und Nachkriegswirren das Schicksal der Ortschaft, gefolgt von der großen Auswanderungswelle nach der Wende. Angesichts dieser historischen Brüche gibt es heute im ganzen Dorf nur noch einen einzigen ethnischen Deutschen, die wenigen Übrigen entstammen gemischten Ehen. Eine beklemmende Vorstellung, wenn man die einst blühende Gemeinschaft gekannt hat.

Das Ortszentrum wird geprägt von der altehrwürdigen barocken römisch-katholischen Kirche, die 1780 zu Ehren des italienischen Heiligen Karl Borromäus geweiht wurde. In den seither verstrichenen knapp zweieinhalb Jahrhunderten hat sie schon vieles gesehen. Jetzt erblickt sie vor ihrem Portal einen deplatzierten Kasten. Das Buswartehäuschen aus Wellblech, an dem Werbeplakate kleben, entstellt den freien Blick aufs imposante Gotteshaus.
Ich bin um die Mittagszeit da und warte voller Sehnsucht auf das vertraute Geläut. Doch die Glocken schweigen. Die schwere Tür ist abgesperrt. So betrete ich die Kirche nur in Gedanken, ganz anders als damals vor 50 Jahren bei der Primiz von Priester Franz Ebner. Ein zutiefst ergreifendes, festliches Ereignis für die ganze Gemeinde. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz besetzt, die Menschen drängten sich in den Zwischengängen. Viele Kerzen strahlten. Plötzlich ertönten himmlische Klänge der Orgel. Kein Wunder, denn sie wurde von Walter Kindl gespielt, dem späteren Domkapellmeister in Temeswar und ehemaligen Musiklehrer des Priesters im Hatzfelder Lyzeum. Ein Jahr vorher hatte der bekannte Musiker das Instrument neu gestimmt und elektrifiziert. Ebners Klassenkollege Walter Berberich sang mit seiner glockenhellen Tenorstimme das Ave Maria. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich an diesen erhabenen Augenblick zurückdenke.
Gottesdienste finden keine mehr statt, zuletzt waren noch drei Gläubige anwesend. Was für ein schmerzlicher, tiefer Unterschied zu früheren Zeiten. In den ersten 200 Jahren seit
Bestehen der Kirche wurden 18.316 Personen getauft und 4.033 Paare getraut. Allein 1864 erhielten 684 Firmlinge das Sakrament. Zum Vergleich: Bei der allerletzten Firmung vor 40 Jahren waren es noch 87. Mein Blick fällt auf das Kriegerdenkmal neben dem Sakralbau, das vor rund 100 Jahren zum Gedenken an die 71 Opfer des Ersten Weltkrieges aus Großjetscha aufgestellt wurde. Ein tiefgreifendes Ereignis im Leben der einst stattlichen Ortschaft.

Der nächste Weg führt mich ans frühere Gemeindehaus. Es war der Sitz des Ortsrichters, Notars und Gemeinderats, Treffpunkt für Versammlungen, Bekanntmachungen sowie offizielle Anlässe. 1850 wurde es eingeweiht: ein mächtiger, langgestreckter Bau im typischen banatschwäbischen Stil der österreichischen Kaiserzeit. Seine weite Fassade mit den verzierten Fensterbögen, die eleganten Pilaster und das große Rundbogentor unterstrichen damals die Bedeutung des Hauses als administratives Zentrum. Vier Schornsteine ragten aus dem Dach empor: ein Sinnbild für Ordnung, Würde und gemeinschaftliche Stärke.
Wie gut, dass ich jetzt ankomme, denn bald dürfte fast nichts mehr vom einstigen Prachtgebäude übrig geblieben sein. Das markante Dach samt Schornsteinen ist weg. Genauso der verzierte Putz von der Fassade. Zurückgeblieben ist eine nackte, verwitterte Ruine mit leeren Fensterhöhlen. Nur im rechten Flügel zeigt sich ein etwas anderes Bild: Dieser kleine Teil des historischen Komplexes wurde vor dem Totalverlust bewahrt und wird heute pragmatisch genutzt. Hier sind die Polizei, die Dorfbibliothek sowie Gerätschaften der Feuerwehr untergebracht. Die stramm gepflanzte Reihe von Thujabäumen steht wie eine stumme Wache vor der bröckelnden Fassade, als wollte sie den stetigen Verfall der eigenen Geschichte vor den Blicken der Vorbeigehenden verbergen.

In einer anderen Straße setzt sich dieses traurige Bild fort: Auch das zweistöckige Haus mit dem roten Ziegeldach, das lange Zeit Verwaltungssitz der landwirtschaftlichen Genossenschaft war, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Seine helle Vorderfront zeigt deutliche Verwitterungserscheinungen und Risse im Verputz, einige Fenster sind mit Latten vernagelt. Vor ihm befand sich die Statue des Kommunistenführers Ilie Pintilie. Gleich nach der Wende stieg ein Einwohner auf die Leiter und schlug dem Denkmal mit einem großen Hammer den Kopf ab. Seither steht der verwaiste Sockel da, und zeigt, dass die Schatten des Kommunismus hier selbst nach 37 Jahren noch spürbar sind.
Ich nähere mich dem vor 140 Jahren angelegten Neuen Friedhof, wo die Gebeine der Vorfahren in geweihter Erde ruhen, darunter die meiner Großeltern. Und traue meinen Augen nicht. Statt nach Spuren der Vergangenheit zu suchen, stoße ich auf die nackte Pragmatik der Gegenwart. Vor der Ruhestätte kündigt ein großes, leuchtendes EU-Schild in Blau-Weiß das neue Infrastrukturprojekt der Ortschaft an: einen Wertstoffhof, genauer gesagt eine moderne Müllsammelstelle, für knapp 4,77 Millionen Lei (908.000 Euro). Die Europäische Union fördert das Vorhaben über den rumänischen Wiederaufbauplan PNRR mit 868.000 Euro. Den restlichen Betrag von rund 40.000 Euro stemmt die Ortsverwaltung aus eigenen Mitteln. Wie aus dem mir vorliegenden Sitzungsprotokoll ersichtlich ist, wurde das Projekt bereits vor vier Jahren vom Gemeinderat einstimmig genehmigt: „Hier wird jeder seinen Müll (Reifen, Haushaltsgeräte, Hausmüll usw.) hinbringen können. Die Anlage wird mit einer Klärgrube, Überwachungskameras, Wachschutz und Beleuchtung ausgestattet sein.“

Entstehen soll sie im Areal der ehemaligen Sandgrube, die nur wenige hundert Meter hinter dem Friedhof beginnt. Das Schild darf nicht irgendwo angebracht werden, sondern muss laut EU-Recht direkt am Standort des Projekts stehen, damit es für die Öffentlichkeit gut einsehbar ist. Dafür haben die Lokalbehörden ausgerechnet die Vorderfront des Friedhofs ausgesucht. Damit wird er sinnbildlich zum Werbeträger für die künftige Müllentsorgung degradiert.
Was im Protokoll nach sauberer Ordnung und Sicherheit klingt, blendet das Entscheidende aus: den Lärm. Wird der Krach des neuen Wertstoffhofs bald bis auf den Friedhof hinüberdringen? Wenn die Anlage erst einmal in Betrieb ist, zieht der Alltag der Moderne mit voller Wucht hier ein. Röhrende Automotoren, klappernde Ladeklappen, das Scheppern von Bauschutt und der metallische Krach an den Containern drohen über das Gelände zu schallen. Daran werden auch Überwachungskameras, Wachschutz und Beleuchtung nichts ändern. Sie sichern den Müll, aber nicht die Stille der nahen Ruhestätte, wo die Steine von jahrhundertelanger Geschichte erzählen.

Es ist ein seltsamer, schmerzlicher Kontrast. Auf der einen Seite stehen die verwitterten Grabkreuze derer, die dieses Land einst mit ihrem Schweiß fruchtbar gemacht, kultiviert und geprägt haben. Sie hinterließen eine reiche Kultur, eine eigene Identität, ein tiefverwurzeltes banatschwäbisches Erbe. Auf der anderen Seite regiert demnächst in Friedhofsnähe die profane Zweckmäßigkeit der Gegenwart. Natürlich braucht es eine funktionierende Infrastruktur, doch diese Entscheidung zeigt eine eklatante Blindheit für die Würde und die Pietät des geschichtsträchtigen Ortes. Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wo. Die Bedeutung des Wertstoffhofs für die Mülltrennung bestreitet niemand: Kritisiert wird dagegen der konkrete Standort. Genau das bleibt als bitterer Eindruck meiner Spurensuche zurück und lässt sich nicht entkräften: Wenn die Symbole der Moderne die Ruhestätte der Ahnen so sichtbar in die zweite Reihe drängen wie das EU-Schild vor dem Friedhof, dann gerät die Geschichte zwar nicht auf den Müll, wohl aber ins Abseits. Denn sie wird unsichtbar gemacht.

Als ich den Friedhof betrete, raschelt der Wind leise durch die Kronen der alten Bäume. Es scheint, als würden die Toten flüstern: „Bewahrt uns vor dem Lärm der Vergessenheit.“ Die meisten Gräber sind zubetoniert, Grabsteine umgestürzt. Wenn schon niemand mehr da ist, um wie früher die Ruhestätten mit Blumen zu bepflanzen und zu pflegen – wozu ich Mutter oft als Kind begleitet habe –, hat die Natur diese Aufgabe übernommen. Auf vielen Gräbern blüht der Klatschmohn. Schwacher Trost für die hier Ruhenden: Die Pipatsch, wie sie im banatschwäbischen Dialekt genannt wird, ist die Symbolblume der Banater Heide. Das ungarische Wort pipacs bezeichnet den Klatschmohn: eine Pflanze, deren deutscher Name von dem Geräusch herrührt, wenn die Blütenblätter im Sommerwind aneinanderklatschen. Beim Verlassen des Gottesackers ist mein Herz schwer, und ich fühle mich leer.
Von einem Friedhof geht es zum nächsten: Großjetscha hat deren zwei. Wie in der Hauptstraße gibt es auch in der Gasse, die zum anderen führt, einen markierten Fahrradweg. Als ich noch hier lebte, fuhren wir Rad, ohne solche Pisten zu haben, und fühlten uns viel wohler. Wir konnten überall radeln, nicht nur auf einem betonierten, vorgegebenen Streifen. Der moderne Radweg führt an der ehemaligen Bäckerei vorbei, einst ein Symbol für Leben, Gemeinschaft, Nahrung und Tradition. Hier, so hieß es, wurde das beste Brot des ganzen Banats gebacken. Sobald die dicke, braune Kruste aus dem Ofen kam, stieg ein warmes, leicht säuerliches und zugleich malzig-süßes Aroma auf, das sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Als ich mit dem Laib zuhause ankam, sah er aus, als hätten ihn viele Mäuse angeknabbert. Hmm, wie lecker er geschmeckt hat: Ein Königreich für ein Brot!

In den Sommerferien half ich meinem Firmpaten, dem Bäckereichef. Nicht beim Backen selbst. Ich pumpte das für den Teig benötigte Wasser direkt vom Brunnen draußen in die Backstube. Jetzt ist die Bäckerei mit dem zerbröselnden Mauerwerk, dem beschädigten Dach und den verwitterten Holztüren ein stummes Mahnmal für die Zerbrechlichkeit menschlicher Errungenschaften. Diese bittere Realität kann von der über die Tür und Fensterfront gespannten Plane nicht verdeckt werden. Sie ist nur ein kläglicher, temporärer Schutzversuch. Heute wird das Brot aus Perjamosch, Großberksoff, Neusentesch oder Temeswar gebracht.
Umsonst habe ich eine leere Flasche eingepackt: Zu gern hätte ich sie mit dem kühlen, köstlichen Wasser des Brunnens gefüllt, um es wie früher Schluck für Schluck auf der Zunge zergehen zu lassen. Doch er führt schon lange kein Wasser mehr, so wie alle anderen Pumpbrunnen im Dorf. Die essenziellen Spender des kostbaren Nass wurden aufgegeben, als die Häuser an die Leitung angeschlossen wurden. „Das Wasser schmeckt nach Chlor und längst nicht mehr so gut wie früher“, klagt ein Einwohner. Deshalb gibt es Überlegungen im Gemeinderat, die alten Trinkwasserbrunnen wiederzubeleben. Verschwunden ist das Wasser auch aus allen Dorfteichen, in denen wir früher gebadet und auf deren Eis wir Schlittschuh gelaufen sind.

Ich freue mich auf die Hutweide hinter dem Alten Friedhof. Früher ging ich mit meinem Großvater dorthin, als er unsere Kuh Flori zum Weiden brachte. Die alten Männer des Dorfes versammelten sich hier mit ihren Kühen. Gebannt lauschte ich den spannenden und dramatischen Erzählungen über ihre Zeit als k. u. k. Soldaten im Ersten Weltkrieg in Galizien und an der Piave. Dabei erfuhr ich, dass mein Opa einem Kameraden aus Sackelhausen das Leben gerettet hat und sie Freunde für immer wurden. Ein Band, das selbst die Auswanderung des Sackelhauseners nicht trennen konnte. Doch ich kann nicht glauben, was ich jetzt sehe. Die saftige, sattgrüne Hutweide ist verschwunden, zu kargem Ödland geworden: eine spröde Erde, mit Disteln übersät. Sie stechen jede Erinnerung weg.
Vlog: Am Baum, wo die Vergangenheit weiteratmet
Unverhofft kommt oft und das Beste zum Schluss! Seit meiner Auswanderung vor 36 Jahren war ich sechsmal da und bin jetzt bei meinem siebten Besuch zum ersten Mal hier. Mit aller Macht zieht es mich an jenen Platz, an dem ich einige der glücklichsten Augenblicke meiner Kindheit verbracht habe. Damals fuhr ich mit dem Rad auf dem staubigen Feldweg Richtung Clarii Vii an der jugoslawischen Grenze. Unter einem schattigen Baum legte ich die mitgebrachte Decke bereit. Es war mein persönlicher Zufluchtsort der puren Stille, des süßen Träumens und der eigenen Gedanken. Ringsum die wiegenden Getreidefelder, der flammende Klatschmohn und die blauenden Kornblumen. Mein Blick folgte fasziniert dem fahrenden Volk auf seinen bunten Pferdewagen, wie im Gedicht Die drei Zigeuner von Nikolaus Lenau, der im fünf Kilometer entfernten Lenauheim geboren wurde.

Diesmal fahre ich mit Virgil im Auto und stelle mir tausend Fragen. Werde ich den Platz wiederfinden? Was ist aus ihm geworden? Mein Herz pocht bis zum Hals. Und dann sehe ich ihn: Mein Freund, der Baum, ist immer noch da, zum Glück nicht wie im wehmütigen Lied von Alexandra. Ob es derselbe von damals ist? Das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur: Er steht als einziger Baum weit und breit an meinem Platz.

Als hätte die Natur geahnt, dass ich nach mehr als fünf Jahrzehnten wiederkommen werde, hat sie sich für den Empfang feierlich herausgeputzt: mit einer atemberaubenden, farbenprächtigen Symphonie in Rot und Blau. So viele Pipatschen und Kornblumen auf einem Fleck gibt es in der ganzen Umgebung nicht mehr. Die wohltuende Ruhe legt sich wie ein Mantel um mich. Endlich ist mein Traum wahr geworden. Wollte ich doch wissen, was von meiner Kindheit übrig geblieben ist. Am Baum bei den Pipatschen und Kornblumen habe ich die Antwort gefunden: Die Erinnerungen sind nicht verloren. Sie warten genau an diesem vertrauten Ort, wo die Vergangenheit als tiefes Gefühl in der Gegenwart weiteratmet. Ergriffen halte ich diesen magischen Moment in einem Vlog fest.

Die Bilder von damals ziehen an meinem inneren Auge vorbei. Wenn ich nur könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen. Wie glücklich und selig ich hier war. In Gedanken liebkose ich jeden Getreidehalm, jede Blüte, jedes Blatt am Baum. Ach was, einfach die ganze Natur! Denn Scheiden tut weh! Wer weiß, ob ich meinen Lieblingsplatz wiederseh'?
Auf meinem Streifzug bin ich zu Fuß 16 Kilometer kreuz und quer durch die Straßen unterwegs. Ich suche die Vergangenheit, finde die Gegenwart, und die Zukunft bleibt verborgen. Als ich den Vizebürgermeister frage, was von den ehemaligen Banater Schwaben im Dorf eigentlich noch sichtbar übrig geblieben ist, antwortet er nach einigem Nachdenken schlicht: „Ihre Häuser.“ Sie stehen immer noch da, fest gebaut, als stumme Zeugen einer längst vergangenen, blühenden Epoche.

Die Menschen von damals sind gegangen, aber die Steine, die sie einst gesetzt haben, überdauern die Zeit. Sie sind das Letzte, was bleibt. Mit dieser bedrückenden Erkenntnis verlasse ich meinen Kindheitsort. Getreu den Worten von Salvador Dalí gilt: „Jeder Abschied ist die Geburt einer Erinnerung.“ Heimat liegt dort, wo man bleibt, wenn man geht. Ich gehe jetzt, lasse aber so viel zurück. Leb wohl, mein Großjetscha!
Bis zum nächsten Klick auf meinen Blog…
Als neuer Beitrag folgt: 105 Jahre Poli Temeswar! Titel, Tränen und politisches Taktieren



