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Indische Reiseimpressionen: Söders Turban, JD Vances zwölf Reiseleiter, Ronaldos Enttäuschung und Stoibers Fettnäpfchen

  • Autorenbild: Helmut Heimann
    Helmut Heimann
  • vor 5 Stunden
  • 15 Min. Lesezeit

"Reisen ist das Einzige, wofür man Geld ausgibt - und trotzdem reicher wird", meinte der irische Dramatiker Oscar Wilde, von dem ein Spruch unterhalb des Bloglogos steht. So gesehen werden wir seit 28 Jahren mit jeder unserer Reisen reicher an unvergesslichen Eindrücken, wunderbaren Begebenheiten, unvergleichlichen Erlebnissen, von denen wir immer wieder aufs Neue zehren.



Die letzte Ruhestätte von Mahatma Ghandi mit dem Ewigen Licht und die Stelle an der er ermordet wurde.
Die letzte Ruhestätte von Mahatma Ghandi mit dem Ewigen Licht und die Stelle an der er ermordet wurde.

Die Reiseziele legen wir mit einem liebgewordenen Ritual fest: Gerti nennt einige Länder, die sie gerne besuchen möchte und ich einige. Dann werden die Wunschdestinationen auf Zettel geschrieben, und eine dritte Person zieht das Land, in das es gehen wird. Kaum sind wir zurückgekehrt, findet eine neue Auslosung statt, damit genug Zeit zum Planen bleibt.

Wir freuen uns jedes Mal auf die spannende Zeremonie. Neben dem Hauptreise- wird ein Ersatzland ausgelost, damit wir im Fall der Fälle umdisponieren können. Das war erstmals vor 20 Jahren so. Damals wurde Indien gezogen, ein Wunschland von Gerti. Weil es wegen der umstrittenen Himalaya-Region Kaschmir fast zu einem bewaffneten Konflikt zwischen den Atommächten Indien und Pakistan gekommen wäre, entschieden wir uns für eine Rundreise durch Costa Rica, Nicaragua, Panama. Der Zettel mit Indien kam zu den anderen zurück und wurde zwei Jahrzehnte lang nicht mehr ausgelost. Aber jetzt war es soweit. Unser Patenkind Giuliano zog Indien. Diesmal war kein Konflikt in Sicht, sodass einem Urlaub in dem mit 1,46 Milliarden Einwohnern größten Land der Welt nichts im Weg stand. 

Indien war uns seit Kindheitstagen durch seine Spielfilme bekannt, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in den rumänischen Kinos liefen. Ich kann mich gut an jenes in meinem Geburtsort Großjetscha im Banat erinnern sowie an den strengen Geruch von Petroleum, mit dem der Fußboden eingelassen wurde, um das Holz zu schützen und ihm Glanz zu verleihen. Neben Winnetou-Filmen, Graf Bobby mit Peter Alexander oder „Freddy, die Gitarre und das Meer“ mit Freddy Quinn waren indische Filme angesagt. Durch sie lernten wir eine unbekannte Welt kennen - grell, farbenfroh, exotisch, melodisch, packend, dramatisch, emotional, leidenschaftlich. Die Filme waren eine gelungene Mischung aus verschiedenen Genres, in denen Themen wie Liebe, soziale Ungerechtigkeit oder Familienbande behandelt wurden. Jetzt sollte unsere jugendliche Filmwelt endlich Wirklichkeit werden.


Verbrennungsstätte von Toten mit Asche.
Verbrennungsstätte von Toten mit Asche.

„Das Schönste am Fernweh ist der Aufbruch zur Reise“, so Angelika Emmert, Autorin von Aphorismen, Texten und Gedichten. Wir brechen mit viel Vorfreude im Gepäck auf. Für Klischees wie Indien sei unhygienisch, schmutzig, vermüllt ist darin kein Platz. Sonst hätten wir so manches wunderschöne Land gar nicht erst besuchen brauchen. Überall auf der Welt gibt es Licht und Schatten. Was wir bei unseren Reisen rund um den Erdball immer wieder feststellen: Die ärmsten Regionen sind landschaftlich die schönsten.

Aus Frankfurt kommend, mit Zwischenstopp in Dubai, landet der Emirates-Flieger am Nachmittag in Neu-Delhi. Das Thermometer zeigt 41 Grad an. Reiseleiter Ashok Singh und Fahrer Ram Niwas Baghel warten am Airport, werden uns während der zweiwöchigen Privatreise begleiten. Die Hauptstadt liegt im Unionsterritorium Delhi, in der Neu-Delhi und Delhi eine urbane Einheit bilden. Mit knapp 35 Millionen Einwohnern ist sie eine der weltweit größten.


India Gate in Neu-Delhi und mit der Rikscha (unter einer Schranke hindurch) unterwegs in den Straßen von Alt-Delhi.
India Gate in Neu-Delhi und mit der Rikscha (unter einer Schranke hindurch) unterwegs in den Straßen von Alt-Delhi.

Am nächsten Tag startet unsere Stadttour durch Alt- und Neu-Delhi. Der Unterschied ist gewaltig: hier Armut, heruntergekommene Häuser, Lärm und Schmutz, dort Reichtum, moderne Bauten, viel Grün und Sauberkeit. Hier Glanzlosigkeit, dort Glamour. Mit der Rikscha geht es durch überfüllte Straßen, in denen ein lebendiges Gewusel herrscht. Überall Tuk-Tuks, Autos, Motorräder, Hektik, aber kein Stress. Der Fahrer muss die Tour unterbrechen, um die Rikscha unter einer Schranke hindurch zu schieben und radelt unbeeindruckt weiter.


Die blaue Stadt Jodhpur.
Die blaue Stadt Jodhpur.

Anschließend fahren wir mit dem Pkw. Erster Höhepunkt ist die Einäscherungsstätte von Mahatma Gandhi, Denker und Lenker der indischen Nation. Im Hinduismus werden die Leichen verbrannt und ein Teil der Asche während einer Zeremonie im heiligen Fluss Ganges verstreut. Auf der Reise sehen wir mehrere Verbrennungsstellen mit der restlichen Asche von Verstorbenen. Am Eingang von Raj Ghat, wie die letzte Ruhestätte Gandhis heißt, müssen die Schuhe ausgezogen werden. Der politische Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung wird im ganzen Land hochverehrt. Er war ein Mann klein von Statur wie Ho Chi Minh, dessen Spuren wir vor zwei Jahren überall in Vietnam begegnet sind (siehe meinen Blogbeitrag), das der Revolutionär in die Unabhängigkeit führte. Zwei kleinwüchsige Männer, groß an Taten: Ghandi auf friedliche, Onkel Ho auf kämpferische Art. Ihr Ziel haben beide erreicht.


 Im Fort von Jodhpur bekomme ich einen Turban gebunden.
Im Fort von Jodhpur bekomme ich einen Turban gebunden.

Gut, dass wir Ghandis Memorial zuerst besuchen. Denn vier Tage später steht der bayerische Ministerpräsident Markus Söder dort und wirft Blütenblätter in die Luft. Er ist auf Staatsbesuch und die Gedenkstätte während seiner Visite streng abgeriegelt. Ghandis Wirken werden wir am selben Tag noch einmal sehen. Neben unserem Hotel ist das Museum Gandhi Smriti. Auf Schautafeln wird sein bewegtes und bewegendes Leben dargestellt. Im Hof befindet sich die Stelle, an der er von einem Nationalisten erschossen wurde. 


Omar zeigt die traditionelle Herstellung von flüssigem Opium.
Omar zeigt die traditionelle Herstellung von flüssigem Opium.

Wir besichtigen vor Söder auch den Sikh-Tempel Gurudwara Bangla Sahib. Er wurde im 17. Jahrhundert gegründet und einem Guru gewidmet, der kranke Menschen heilte. Der Bau aus weißem Marmor mit goldenen Kuppeln und großem Teich ist beeindruckend. Die Inder kommen in Scharen hierher, auch weil es durch Spenden kostenloses Essen gibt, das ehrenamtlich in riesigen Kübeln und Töpfen gekocht wird. Söder hilft beim Kochen mit. In den Tempel darf man in Socken oder barfuß, mit langen Hosen und Kopfbedeckung. Dem Politiker aus Bayern wird deshalb ein oranger Turban gebunden. Es ist eine wichtige Farbe im Hinduismus, die mit Glauben, Feuer, Mut, Aufopferung und Entsagung assoziiert wird. Beim Eintritt tragen wir orange Kopftücher. Markus Söder muss seine Reise wegen eines Magen-Darm-Infekts nach drei Tagen abbrechen und kehrt nach Deutschland zurück. Dort wird groß darüber berichtet und die Vorurteile gegen Indien verstärkt. Wir passen hygienisch auf und werden in 31 Urlaubstagen keine gesundheitlichen Probleme bekommen.


Der Motorrad-Tempel liegt nahe dem kleinen Dorf Chotila.
Der Motorrad-Tempel liegt nahe dem kleinen Dorf Chotila.

In Neu-Delhi flanieren wir am imposanten India Gate, das den Triumphbogen in Paris sowie Bukarest ähnelt und auf dem die Namen von 13.000 im 1. Weltkrieg für die Kolonialmacht England in Afghanistan gefallenen indischen Soldaten ebenso eingraviert sind wie jene der im 2. Weltkrieg Gefallenen. Aus der Ferne bewundern wir die ansehnliche Architektur der Regierungsgebäude. Sie ist geprägt von einer gelungenen Kombination aus indischen und britischen Einflüssen. In einem Park tummeln sich zahlreiche Rhesusaffen, die nach Futter suchen. Spezielle „Affen-Männer“ werden eingesetzt, die ihre Laute nachahmen, um die aufdringlichen Tiere zu verjagen.

Am nächsten Tag brechen wir nach Rajasthan auf, dem flächenmäßig größten indischen Bundestaat, was übersetzt „Land der Könige“ bedeutet, der zu 60 Prozent aus Wüste besteht. Er ist das beliebteste indische Reiseziel mit unbezwingbaren Festungen und prächtigen Palästen, in denen die Maharadschas genannten Herrscher, Könige und Fürsten leb(t)en. Einige ihrer Residenzen wurden in Hotels umgewandelt, in denen wir wohnen werden. Nicht von ungefähr heißt unsere Reise „Rajasthan mit Stil“.


 Gerti füttert Kühe, ich fahre Rad mit Guide Adil.
Gerti füttert Kühe, ich fahre Rad mit Guide Adil.

Wir fahren auf einem Teil der berühmten Seidenstraße, wo früher Karawanen mit Pferden, Ochsen und Kühen Baumwolle, Schmuck, Gewürze, Stoffe, Tabak oder Opium von Afghanistan nach China transportierten. Zum Sonnenuntergang geht es in die Thar-Wüste zu einem Dinner mit landestypischer Folklore, bei dem wir mit einer duftenden Rosengirlande empfangen werden. Es gibt eine Show mit Barfußtänzen auf Nagelbrett, Scherben sowie heißen Kohlen, Gesang und Livemusik. In der Nacht übersäen glitzernde Sterne das Firmament. Im grellen Mondlicht sehen wir auf einer Anhöhe Kamele mit ihrem Treiber - ein erhabener Anblick.


Das Hotel Taj Lake Palace liegt auf der Insel Jag Niwas im Pichola-See.
Das Hotel Taj Lake Palace liegt auf der Insel Jag Niwas im Pichola-See.

Als erste größere Stadt erreichen wir Jodhpur. Sie wird wegen der Farbe ihrer Häuser blaue Stadt genannt. Blau absorbiert das Sonnenlicht und hält die Fliegen fern. Das Merangarh Fort mit seinen imposanten Torbauten und schmucken Innenräumen liegt auf einem 130 Meter hohen Felsen. Im Innenhof sehen wir, wie ein Turban gewickelt wird. Der siebenfarbige Stoff ist zwischen neun und zwölf Meter lang, ein bis drei Meter breit. Hier bekomme auch ich einen Turban.


Bunt bemalte Elefanten im Fort von Jaipur.
Bunt bemalte Elefanten im Fort von Jaipur.

Auf unserer Reise durch die Wunderwelt der Maharadschas kommen wir im Städtchen Rohat mit 15.000 Einwohnern an. Die einheimischen Bishnoi gewähren uns Einblicke in ihr ländliches Leben. Omar zeigt uns die manuelle Herstellung von Opium, das als Heilmittel verwendet wird und schüttet uns die flüssige Substanz zum Trinken in die Hand. Der Geschmack ist bitter, berauscht werden wir zum Glück nicht.

Eine unglaubliche Geschichte erfahren wir am nächsten Tag. 1988 passierte zwischen Jodhpur und Pali ein tödlicher Unfall, als ein junger Mann nachts mit seinem Motorrad an einen Baum prallte und auf der Stelle verstarb, weil niemand unterwegs war, um zu helfen. Der Leichnam wurde am Morgen entdeckt und die Polizei verständigt. Sie barg den Toten, brachte sein Motorrad auf die Wache. Am nächsten Tag war es verschwunden und wurde an der Unglücksstelle gefunden. Das Ganze wiederholte sich zweimal. Beim vierten Mal band die Polizei das Motorrad mit Ketten in der Wache fest und entleerte den Treibstofftank. Doch am nächsten Tag stand es wieder am Unglücksort. Die Menschen glaubten an ein Wunder. Das Fahrzeug wurde an der Unfallstelle gelassen und aus Spenden um es herum ein Tempel erbaut, zu dem viele Leute pilgern. Seither passierte dort kein Unfall mehr. Manchmal versetzt der Glaube nicht nur Berge, sondern auch ein Motorrad.


Der Palast der Winde mit seiner einzigartigen Architektur befindet sich in der rosa Stadt Jaipur.
Der Palast der Winde mit seiner einzigartigen Architektur befindet sich in der rosa Stadt Jaipur.

Wir kommen in Udaipur an. Am frühen Morgen unternehme ich mit Guide Adil Rashid Multani (https://www.guideinudaipur.com) eine interessante Fahrradtour durch die saubere Altstadt und bekomme einen authentischen Einblick ins Leben der aufwachenden Ortschaft, vorbei an Ständen mit Gemüse und Töpferwaren. Eine Frau bereitet am Straßenrand Grünfutter für eine Kuhherde mitten in der Großstadt vor. Leute kaufen es und füttern die Tiere, andere bringen Futter in Beuteln mit. Kühe sind heilig in Indien, haben überall Vorfahrt, dürfen nicht geschlachtet werden. Kühe, Kühe über alles.


Magischer Sonnenaufgang am Taj Mahal.
Magischer Sonnenaufgang am Taj Mahal.

Unser Hotel befindet sich am Pichola-See, in dem die legendäre Nobelherberge Taj Lake Palace liegt, wo die Übernachtung 1000 Euro kostet, Szenen des James-Bond-Films „Octopussy“ mit Roger Moore und des Spielfilms „Der Tiger von Eschnapur“ mit Paul Hubschmid gedreht wurden. Während einer Bootsfahrt sehen wir das Hotel aus der Nähe. Die Stadt ist ein Schmuckkästchen, das wir auf dem Weg zum Abendessen über den Dächern in luftiger Höhe öffnen, um das glitzernde, funkelnde, glänzende, leuchtende, schillernde Udaipur zu unseren Füßen zu bewundern.

Eine andere Schatulle erwartet uns am nächsten Tag im kleinen Ort Deogarh, wo wir in einem schnuckeligen Maharadscha-Palästchen wohnen, der Prinz uns begrüßt und am Abend zu einer Privatsafari einlädt, an der seine 86-jährige Oma teilnimmt. Im Lampenschein sehen wir dreißig Meter tiefer Leoparden mit Jungen. Ein Reiseleiter meint am nächsten Tag, wir hätten großes Glück gehabt. In 18 Jahren habe er nur zweimal Leoparden in Indien gesehen. Wenn Engel reisen.

Letzte Station in Rajasthan ist Jaipur, die Hauptstadt des Bundeslandes, das so groß wie Deutschland ist und genauso viele Einwohner hat. Die Stadt besitzt drei Welterbestätten. Sie ist als rosa Stadt bekannt wegen der Anordnung ihres Maharadschas, anlässlich des Besuchs eines britischen Prinzen die Häuser in dieser Farbe der Gastfreundschaft anzustreichen. Wir fahren mit dem Wagen zu dem auf 500 Meter Höhe liegenden Amber Fort. Andere Touristen lassen sich von bunt bemalten Elefanten hochtragen. Wegen der großen Hitze dürfen die armen Tiere nur drei Stunden am Tag arbeiten.


Gerti und ich genießen frühmorgens die geheimnisvolle Stille am Taj Mahal. Foto: Ashok Singh
Gerti und ich genießen frühmorgens die geheimnisvolle Stille am Taj Mahal. Foto: Ashok Singh

Das Fort ist eine riesige Festungsanlage. Und schon wieder sind wir vor einem anderen Politiker da. US-Vizepräsident JD Vance ist auf Staatsbesuch und vier Tage später mit seiner aus Indien stammenden Ehefrau samt den drei Kindern hier. Es ist der erste Besuch eines US-Vizepräsidenten in Indien seit dreizehn Jahren. Diesmal haben es die Elefanten leichter, denn sie müssen ohne Touris auf dem Rücken an der Politikerfamilie vorbeimarschieren. Für diese werden sage und schreibe zwölf Reiseführer abgestellt und angewiesen, bei der Informationsvermittlung einen gewissen Abstand einzuhalten. Wahrscheinlich braucht es deshalb so viele. Uns genügt einer.


2008 verübten Terroristen Anschläge an zwölf Orten in Bombay, darunter im Luxushotel Taj Mahal Palace mit mehr als 30 Toten.
2008 verübten Terroristen Anschläge an zwölf Orten in Bombay, darunter im Luxushotel Taj Mahal Palace mit mehr als 30 Toten.

Nach dem 300 Jahre alten Observatorium mit der größten und kleinsten Sonnenuhr der Welt geht es zur Hauptattraktion, dem Palast der Winde mit seiner fünfzehn Meter hohen Fassade sowie den vielen bunten Mosaikfenstern, hinter denen die Hofdamen durch Gucklöcher das muntere Geschehen auf der Straße beobachteten. Aufgrund des moslemischen Einflusses durften sie sich nicht unters Volk mischen und sahen ihm zu, ohne erkannt zu werden. Wegen der vielen Gucklöcher herrscht ein kühler Luftzug, den wir spüren. Deshalb der Name Palast der Winde für das fünf Stockwerke hohe Gebäude. Die ranghöchsten Damen standen oben, die rangniedrigsten unten.

Das Beste kommt zum Schluss. Wir gelangen nach Agra im Bundesland Uttar Pradesh, wo wir eines der neuen sieben Weltwunder besuchen werden: den Taj Mahal am Südufer des Yamuna-Flusses. Es gilt, zeitig aufzustehen, denn alle wollen hin. Als wir um 5.10 Uhr ankommen, sind bereits 40 Leute in der Schlange, alles Touristen. Inder stehen nicht so früh auf. Die Temperatur beträgt 27 Grad. Um 5.22 Uhr passieren wir die Sicherheitskontrolle. Dann sehen wir ihn. Sein Anblick ist berührend, emotional, grandios, faszinierend, mit einem Wort überwältigend. Um 6.15 Uhr geht die Sonne auf und taucht das Mausoleum in goldenes Licht. Es lässt den Marmor wie flüssiges Wasser aussehen, über das es sich funkelnd schlängelt. Als Ashok meinen Schnappschuss sieht, schwärmt er: „Ein Foto wie aus 1001 Nacht.“


Doppelt genäht hält besser. Gerti und ich vor dem majestätischen Gate of India in Bombay. Foto: Smita Kadam
Doppelt genäht hält besser. Gerti und ich vor dem majestätischen Gate of India in Bombay. Foto: Smita Kadam

Die uns umgebende Stille ist wohltuend. Wir können uns nicht sattsehen, kommen in Zugzwang mit dem Fotografieren. Hier ein tolles Motiv, dort eine verlockende Aussicht, da ein faszinierender Anblick. Taj bedeutet Krönung und Mahal Paläste. In der Tat: Der Taj Mahal ist die Krönung aller Paläste, Welterbestätte, vielleicht das berühmteste Gebäude der Welt. Wir müssen Plastikhüllen über die Schuhe ziehen, um sein reich verziertes Innere betreten zu dürfen. Überall Prunk, Pracht, Glanz und Glitzer.


Müll, Mann mit Kohlebügeleisen und modernes Hochhaus im Slum Dharavi.
Müll, Mann mit Kohlebügeleisen und modernes Hochhaus im Slum Dharavi.

Drei Stunden lang lassen wir uns auf dem weitläufigen Gelände vom Taj verzaubern, verführen, begeistern, in seinen Bann ziehen. Ashok wird ungeduldig: „So lange war keiner meiner Gäste hier.“ Am Vorabend haben wir den Bau beim Sonnenuntergang aus einem nahen Park bewundert. Gestern von draußen, heute von drinnen und von nun an für immer in unserer Erinnerung als Symbol ewiger Liebe. Die Lovestory zwischen einem Mogulkaiser und seiner Frau, die ihm im Sterben das Versprechen abnahm, für sie die schönste Grabstätte der Welt zu erbauen, berührt die Herzen der Menschen tief. Es ist ein

Schwungvolle Tänze während der Bollywood-Tour und Plakat des Films „Mother India“, der in den 1960er-Jahren auch in rumänischen Kinos lief.
Schwungvolle Tänze während der Bollywood-Tour und Plakat des Films „Mother India“, der in den 1960er-Jahren auch in rumänischen Kinos lief.

Meisterwerk der indo-islamischen Architektur aus weißem Marmor mit Edelsteinen verziert, das im 17. Jahrhundert errichtet wurde sowie unser fünftes von sieben neuen Weltwundern, die wir bisher gemeinsam gesehen haben neben Chichén Itzá in Mexiko, der Christusstatue in Rio de Janeiro, der Großen Chinesischen Mauer sowie Machu Picchu in Peru. Und schon wieder sind wir JD Vance zuvorgekommen. Als er drei Tage später mit Familie am Taj eintrifft, wird alles abgesperrt. Überwältigt sollte er ins Gästebuch schreiben: „Ein Zeugnis wahrer Liebe, menschlichen Erfindungsgeistes und eine Hommage an das großartige Land Indien.“ 

 

Mein Video vom Besuch des Taj Mahal


 

Vor Söder war bereits ein anderer bayerischer Ministerpräsident in dem riesengroßen Land. 2007 verabschiedete sich Edmund Stoiber mit Ehefrau Karin fünf Monate vor seinem Abgang in München am Taj Mahal von der großen politischen Weltbühne. Als eine deutsche Radioreporterin ihn interviewte und fragte, woran er beim Anblick des Bauwerks denke, antwortete Stoiber, der in Bayern einen rigorosen Sparkurs fährt: „Das ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen.“ Was bitte? Der Pressesprecher zuckte zusammen und erkannte sofort, in welch großes Fettnäpfchen sein Chef gerade getreten war. Er tuschelte mit ihm, intervenierte bei der Reporterin und bat um Wiederholung der Antwort. Die gelang wenigstens etwas besser. „Na gut, das sei hier schon ein Monument der Liebe“, so Stoiber.


Der imposante Bahnhof in Bombay mit langen Bahnsteigen und Schuhputzer.
Der imposante Bahnhof in Bombay mit langen Bahnsteigen und Schuhputzer.

Unsere Rundreise ist vorbei, der Stopover in einer weltbekannten Hafenstadt beginnt. Die portugiesischen Kolonialherren nannten sie Bombaia, die englischen Bombay, und vor dreißig Jahren wurde sie nach der Hindugöttin Mumbadevi in Mumbai umbenannt. Wir stehen dort, wo der erste englische Besatzer 1757 indischen Boden betrat und der letzte ihn 1947 verließ: am majestätischen Gateway of India. Der monumentale Triumphbogen ist eines der bekanntesten Wahrzeichen des Landes. Wir sind so angetan von dem uns umgebenden Flair aus indisch-sarazenischer Architektur, spannender Geschichte und dem vielfältigen Meeresufer, dass wir uns gleich zweimal aufs selbe Foto bannen lassen.


Der breite Varca-Strand ist bestens für ausgiebige Spaziergänge geeignet.
Der breite Varca-Strand ist bestens für ausgiebige Spaziergänge geeignet.

Mumbai ist mit 20 Millionen Einwohnern das pulsierende Wirtschaftszentrum Indiens, sein größter Hafen und wie Neu-Delhi ein Moloch: geschäftig, pulsierend, bunt, mit nonstop hupenden Autos und verstopften Straßen. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen beiden Metropolen. „Delhi ist links, wir sind kosmopolitisch und lieben alle Menschen“, sagt Reiseleiterin Smita Kadam.

Leben und leben lassen, diese Sichtweise erkennen wir im Slum Dharavi, der mit einer Million Einwohnern auf 2 km² zu den größten in Asien zählt. „Hoffentlich werdet ihr ihn nicht besuchen“, warnten Bekannte in Deutschland. Doch wir lassen uns nicht abschrecken wie schon 21 Jahre vorher in Südafrika nicht, als wir Soweto, die Township in Johannesburg, besichtigten. Slum ist nicht gleich Müll, Armut, Not, Elend. In Dharavi gibt es moderne Hochhäuser, Schulen, Kliniken, Läden, Restaurants, Tempel, Sex-Kino und eine nachahmenswerte Einstellung der Einwohner: nichts geht verloren, alles wird wiederverwertet und billig weiterverkauft. Wir schlängeln uns durch das wuselige Treiben, hören, sehen und staunen. Hier wurde der Spielfilm „Slumdog Millionär“ gedreht, der 2009 acht Oscars erhielt, darunter jenen für den besten Film.

Vor sieben Jahren waren wir in Hollywood, jetzt sind wir in Bollywood, dessen Hauptstadt Bombay ist. Während einer Studiotour durch die Filmcity sehen wir, wie Spielfilme gedreht werden, Kulissen, Requisiten, Plakate berühmter Streifen und zum Schluss in einem Kinosaal farbenfrohe Tänze auf berühmte Filmmelodien. Ich fühle mich wie damals in Großjetscha, allerdings ohne Petroleumgeruch.


 Die Kühe in Goa lieben Sonnenuntergänge, in der Mitte eine mit Perlenkette um den Hals.
Die Kühe in Goa lieben Sonnenuntergänge, in der Mitte eine mit Perlenkette um den Hals.

Der architektonische Mix der Stadt ist faszinierend: Art déco, indo-islamisch und der viktorianische Stil der Briten wie jener des imposanten Bahnhofs Chhatrapati Shivjaji Maharaj Terminus. Mit seinen prunkvollen Marmorsäulen sieht er wie ein Palast aus. Kein Wunder, dass er der einzige Bahnhof weltweit ist, der zum UNESCO-Welterbe gehört. 1000 Züge verkehren hier täglich mit bis zu 3 Millionen Pendlern. Weil im Gedränge die Schuhe beschmutzt werden, gibt es gleich nach dem Aussteigen Schuhputzer, die sie auf Hochglanz polieren.


Täglich gibt es prunkvolle Hochzeiten an den Stränden von Goa.
Täglich gibt es prunkvolle Hochzeiten an den Stränden von Goa.

Wir sehen Dhobi Ghat, die größte Freiluftwäscherei der Welt, wo tausend Wäscher die Kleidung mit der Hand waschen und begegnen auch in Mumbai den Spuren von Mahatma Ghandi, als wir sein Hauptquartier Mani Bhavan besichtigen, wo er 17 Jahre lang wirkte. Ein anderer Prominenter hat ebenfalls mit der vibrierenden Stadt zu tun. Schriftsteller Rudyard Kipling kam hier zur Welt, lebte lange in Indien und wurde durch „Das Dschungelbuch“ weltberühmt. Als Kind habe ich es in Großjetscha verschlungen, war begeistert von den Geschichten mit dem Jungen Mowgli (der im Dschungel von Wölfen aufgezogen wurde), dem weisen Panther Bagheera, dem lustigen Bären Baloo und der schlauen Schlange Kaa. Vor einem Monat führte das Deutsche Staatstheater Temeswar „Das Dschungelbuch“ als Musical auf. Schade, dass von Kipling bis auf eine kleine Büste nichts in Bombay zu sehen ist.


Kricket am Meer und im Oval Maidan in Mumbai. Erstes Stadion mit Fünfsternehotel nahe Udaipur.
Kricket am Meer und im Oval Maidan in Mumbai. Erstes Stadion mit Fünfsternehotel nahe Udaipur.

Die Stadtrundfahrt endet mit einem goldenen Sonnenuntergang an der famosen Uferpromenade Marine Drive am Arabischen Meer, das zum Indischen Ozean gehört. Wir atmen den verlockenden Duft der großen weiten Welt in vollen Zügen ein und nehmen ihn symbolisch im Flugzeug nach Goa mit, wo wir eine Stunde später landen. Es ist das bekannteste Badeziel Indiens, sein kleinster, aber wohlhabendster Bundesstaat. 450 Jahre lang war er portugiesische Kolonie, erlangte erst 1961 die Unabhängigkeit. 

Am weiten Meer können wir die Seele baumeln lassen. Der Varca Beach ist lang, breit, sauber, fast menschenleer. Die Wellen rauschen, das Wasser ist klar, die Palmen wiegen sich im Wind. Carpe diem! Zwei Wochen lang werden wir uns hier von den Reisen durch Indien erholen. Und schon am ersten Tag trauen wir unseren Augen nicht. Plötzlich steht eine Kuh am Strand, regungslos, aufs Wasser schauend. Später kommen weitere hinzu. Sie liegen im weichen Sand, lassen sich die Sonne aufs Fell scheinen und genießen die entspannte Atmosphäre. Besonders gut scheinen ihnen die bunten Sonnenuntergänge zu gefallen. Die angenehmen Strände, die lockere Lebensweise, die offene Kultur, die grenzenlose Zeit zogen vor 60 Jahren massenweise Hippies an, die Goa zu einer ihrer weltweiten Hochburgen machten.

Wir sehen nicht nur Kühe am Strand, sondern fast jeden Tag mehrere Hochzeiten, einmal gleich drei in einem Lokal. Die Zutaten sind passend: Fotoshooting bei Sonnenuntergang, eine farbenprächtige Gästeschar mit Frauen in glitzernden Saris, Männern mit Turbanen und eleganten Sherwanis. Obligatorisch ist ein spektakuläres Feuerwerk in der Dunkelheit am Strand. Vor allem aus Bombay reisen die Reichen hierher, um sich trauen zu lassen. Die Ringe werden bei Kerzenschein im weichen Sand angesteckt.

Badeurlaub bedeutet für uns aber nicht Faulenzen. Wir machen täglich lange Strandspaziergänge von bis zu 20 Kilometern. Ohnehin wird Sport in Goa großgeschrieben.

Im romantischen Pavillon eines Fischrestaurants unter Palmen am Meer lese ich Gerti mein Gedicht vor. Restliche Fotos: Helmut Heimann/Collagen: Hans Vastag
Im romantischen Pavillon eines Fischrestaurants unter Palmen am Meer lese ich Gerti mein Gedicht vor. Restliche Fotos: Helmut Heimann/Collagen: Hans Vastag

Am Strand begegnen wir regelmäßig Jungs, die Kricket spielen. Es ist der indische Nationalsport, eingeführt von den englischen Kolonialherren. In Rajasthan durften wir in ein funkelnagelneues Stadion nahe Udaipur. Es ist die erste indische Kricketarena mit integriertem Fünfsternehotel. Spiele sahen wir auch in Bombay im Oval Maidan, ein grünes Sport- und Erholungsgebiet mitten in der Millionenmetropole, umgeben von viktorianischer und Art-déco-Architektur.

Am Strand in Goa spielen die Jugendlichen nach dem Sonnenuntergang ebenso begeistert Fußball. Bestimmt wurde er von Portugiesen während ihrer jahrhundertelangen Herrschaft populär gemacht. Und ein Portugiese war es, der zuletzt für eine riesengroße Enttäuschung der hiesigen Fußballfans gesorgt hat. Eigentlich sollte Superstar Cristiano Ronaldo mit seinem Team Al-Nassr FC aus Saudi-Arabien beim FC Goa antreten, der sich durch den Gewinn des indischen Supercups für die Champions League Asiens qualifizierte. Doch ein paar Tage vorher kündigte der saudische Klub an, dass Ronaldo nicht kommen würde, weil er sich für die Landesmeisterschaft ausruhen müsse. Tausende Fans hatten Tickets nur gekauft, um Cristiano zu sehen. Sie wurden bitter enttäuscht und mussten sich mit anderen Stars wie João Félix, Sadio Mané und Kingsley Coman zufriedengeben.

Populär ist auch eine andere Sportart, die ihren Ursprung im indischen Spiel Chaturanga hat, das um das 6. Jahrhundert n. Chr. entstanden ist: Schach. Der 19-jährige Inder Dommaraju Gukesh ist amtierender Weltmeister. Vergangenes Jahr fand der FIDE World Cup mit den weltbesten Spielern in Goa statt. Beim K.-o.-Spektakel kämpften 206 Teilnehmer um ein Preisgeld von zwei Millionen Dollar, und die ersten Drei qualifizierten sich für das Kandidatenturnier in diesem Jahr, dessen Sieger gegen Gukesh um den WM-Titel antreten wird. Indien gilt als Land der Schachgenies. Wunderkind Sarwagya Singh Kushwaha ist erst drei Jahre alt, kann weder lesen noch schreiben, was ihn aber nicht hinderte, als jüngster Spieler der Geschichte eine offizielle Wertungszahl des Weltverbandes FIDE zu bekommen, mit der die Spielstärke bewertet wird. Sensationell!

 

Video aus Goa mit meinem ersten Gedicht seit 55 Jahren



 

Unser Urlaub endet mit einer faustdicken Überraschung. Nach 55 Jahren schreibe ich wieder ein Gedicht, einfach so, spontan, aus einem tiefen Gefühl heraus, ausgelöst durch das tolle Urlaubsfeeling. Als Schüler in der 5. Klasse der Allgemeinschule Großjetscha habe ich 30 Gedichte geschrieben, weder vorher noch nachher, nur dann. Das Schulheft mit ihnen bewahre ich bis heute auf. Es folgte eine jahrzehntelange Pause. Im Video spreche ich von 50 Jahren. Als ich es am Meeresstrand drehe, ist mir nicht bewusst, dass es bereits 55 sind, was ich erst nach der Rückkehr in Deutschland feststelle.

Beim Abschiedsessen im gedämpften Schein der Lampen in einem rustikalen Fischrestaurant am rauschenden Meer überrasche ich Gerti damit. Sie ist hin und weg. Und auch für mich wird Goa ewig im Gedächtnis bleiben, wo mich die Muse nach so langer Zeit geküsst hat. Hoffentlich hält die kreative Inspiration auf den kommenden Reisen an. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky sagte: „Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt - sieh sie dir an.“ Das werden wir weiterhin tun. Und vielleicht erreichen wir dabei auch mal das Nirwana gemäß dem Spruch des Philosophen Hermann Keyserling: „Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum.“ Namaste Indien.



Bis zum nächsten Klick auf meinen Blog…



Als neuer Beitrag folgt: Noch zweimal Schimonydorf mit zwei Premieren: Erstmals via QR-Scan, Rumänisch via Direktlink

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